SOCULENT

Lilli Leirich erforscht, lehrt und lebt Social Entrepreneurship

Startups, Gründergeist und neue Unternehmenskulturen sind ihre Leidenschaft. Lilli Leirich forscht zu den Themen Social Entrepreneurship und Intrapreneurship, lehrt an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW), berät Startups – und hat jetzt auch ihr eigenes Unternehmen soculent gegründet. Höchste Zeit für ein Interview!

 

Social Entrepreneurship ist ein populäres Thema, das unterschiedlich definiert wird. Lilli, wie definierst Du es?

Ja, das Thema scheint erfreulicherweise wirklich angekommen zu sein in Deutschland! Eine einheitliche Definition dafür gibt es aber nicht. Nach meinem Verständnis ist Social Entrepreneurship systemische, also ganzheitliche Corporate Social Responsibility, inklusive der ökologischen Dimension. Wenn ein Unternehmen also holistisch aufgestellt ist und nicht nur auf Gewinnmaximierung aus ist, dann handelt es sich im Grunde um ein Social Enterprise. Im engeren Sinne beschreibt Social Entrepreneurship das Lösen einer gesellschaftlichen Herausforderung auf innovative und unternehmerische Art und Weise. Das heißt: Geld verdienen ist erlaubt!

 

Lilli Leirich und Carsten Huber: Gründer von soculent.

 

Eine neue Philosophie des Unternehmertums?

Vor dem Hintergrund, dass wir in einem kapitalistischen System leben, würde ich es eher als Paradigmenwechsel bezeichnen. Die Werte ändern sich. Geld wird vom Selbstzweck wieder zum Mittel zum Zweck. Geld hatte bislang zu viele Funktionen. Es ist auf allen Ebenen des menschlichen Lebens präsent. Die meisten gehen zur Arbeit, um Geld zu verdienen. Man lebt für den Feierabend und für das Wochenende – statt jeden Tag zu lieben was man tut. Studien zeigen, dass 75 Prozent der Deutschen ArbeitnehmerInnen bereits innerlich gekündigt haben. Genau deshalb gibt es Bewegungen wie New Work, Social Entrepreneurship und Intrapreneurship – soziale Innovationen eben.

 

Wie ein zweites Büro: im Mannheimer AGÁTA Café lässt es sich auch gut arbeiten.

 

Warum bist Du so leidenschaftlich an diesen Themen interessiert? 

Weil unsere Art zu wirtschaften und zu konsumieren einfach nicht nachhaltig ist! Während meines BWL-Studiums habe ich viele Dinge nicht begriffen und mich gefragt, ob es wirklich an mir liegt, dass mir die neoklassische Wirtschaftstheorie nicht in die Birne will. In dem, was an den Hochschulen gelehrt wird und nicht gelehrt wird, liegt nämlich das Problem! Dann habe ich begonnen, nach Alternativen zu suchen. Dabei bin ich unter anderem auf plurale Ökonomik oder Gemeinwohlökonomie gestoßen und schließlich auch auf Social Entrepreneurship.

Welche Perspektive hat Social Entrepreneurship?

Ich bin davon überzeugt, das Social Entrepreneurship ein effektiver Weg ist. Politik ist auch wichtig, aber für mich erstmal abgehakt als viel Blabla und ohnehin sehr nah an der Wirtschaft, um es mal vorsichtig auszudrücken. Social Entrepreneurship heißt dagegen: selbst aktiv werden und machen! Etwas tun, was mich erfüllt, dem Gemeinwohl dient und wovon ich leben kann! Natürlich klingt es jetzt einfacher als es tatsächlich ist. Aber es geht!

 

 

Und deshalb jetzt auch das eigene Startup?

Ja, ich habe Anfang des Jahres mit Carsten Huber die Firma soculent gegründet, ein Kulturunternehmen. Wir haben in Mannheim ein sehr vitales, aktives Startup-Ökosystem, in dem ich auch sehr aktiv bin. Gerade in den letzten zwei Jahren hat sich in der Stadt viel getan und ich habe das Gefühl, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Im Januar 2017 habe ich angefangen, mich hier zu tummeln, mich so viel mit Gründungsthemen beschäftigt und den Spirit erlebt, dass es eigentlich nur eine Frage der Zeit war, bis ich selbst gründen würde.

 

 

Für was steht Euer Unternehmen soculent?

Der Name entstand aus Social Cultural Entrepreneurship. Wir haben zwei Geschäftsbereiche. Der erste beschäftigt sich mit dem Problem, dass es in Mannheim zwar eine tolle Musikszene, aber zu wenig Proberäume gibt. Diese wollen wir schaffen. Wir haben anfangs nach Hallen gesucht, aber nichts gefunden und sind dann auf die Idee gekommen, Container umzubauen. Aber nicht Schiffscontainer, sondern größere, also eher Modulbau als Containerbau. Wir haben bereits mehrere Standorte dafür und auch potentielle Investoren, sind aber noch in der Entwicklungsphase.

 

 

Und was treibt Euch an?

Uns geht es nicht um die Kohle – davon leben können wollen wir natürlich trotzdem – und nicht um uns als Personen, sondern um die Sache! Wir möchten mit soculent einen kulturellen Mehrwert schaffen, das künstlerische und soziale Potenzial der Region fördern. Angefangen damit, dass man Räume zur Verfügung stellt, in denen die MusikerInnen proben können. Kreativen Raum schaffen eben – unser Slogan.

 

 

Wie seid ihr auf diese Nische gekommen?

Carsten ist Musiker und vereint Ernste Musik und Unterhaltungsmusik. Das trifft man ganz selten, das sind eigentlich zwei ganz verschiedene Kulturen. Er spielt selbst in Bands und war lange Zeit Leiter des Orchesterbüros der Mannheimer Philharmoniker. Und im Zuge all dessen ist er auf das Proberaumproblem in Mannheim aufmerksam geworden. Er kam dann zu mir in die Gründungsberatung und hat mir davon erzählt. Ich fand das Projekt toll und so kam eins zum anderen. Irgendwann hatte ich mich so reingehängt, dass ich nicht mehr raus wollte, als er mich fragte, ob ich einsteigen will!

Und der zweite Geschäftsbereich?

Den zweiten Bereich nennen wir „Creative Paradigm“. Hier wollen wir Kulturschaffende mit Unternehmen zusammenbringen mithilfe von verschiedenen Eventformaten. Da haben wir drei Säulen: Zum ersten Leadership Experience, womit wir Führungskräften die Möglichkeit bieten, eine andere Führungsperspektive einzunehmen, in dem wir sie mit Band-Leadern oder Dirigenten zusammenbringen.

Und der dritte Geschäftsbereich?

Umfasst das Thema Social Intrapreneurship. Hier wollen wir Unternehmen helfen, die Change-Maker im Unternehmen zu identifizieren und sie zu unterstützen. Die dritte Säule ergab sich aus unserem Netzwerk und ein paar lustigen Ideen: Stakeholder Commitment Events sind kreative, interaktive Formate mit KünstlerInnen, MusikerInnen und Co. – statt immer nur Klettern, Bowlen oder Fußball.

 

Die soculent-Macher an einem möglichen Standort für Probe-Container: unter der Mannheimer Jungbuschbrücke.

 

Was genau bedeutet Intrapreneurship?

Binnenunternehmertum! Dass MitarbeiterInnen in einem Unternehmen ihre eigenen Ideen entwickeln können! Die Frage ist, wie Unternehmen damit umgehen. Größere Konzerne schaffen bereits vereinzelt Strukturen und stellen beispielsweise Zeiten und Räume zur Verfügung, damit MitarbeiterInnen innovative Geschäftsideen und kreative Projekte realisieren können – im Sinne des Unternehmens. Denn es geht ja hierbei in erster Linie nicht um Ausgründungen.

Das können Unternehmen ja auch kaum wollen …

Nein, aber darauf wird es oft reduziert. Wir haben gerade erst eine Absage für ein Intrapreneuership-Format erhalten. Die Begründung war: Es sei nicht zu verantworten, dass MitarbeiterInnen abgeworben werden. Dabei ist das überhaupt nicht das Ziel.

Das Ziel ist es, Leute mit guten Ideen im Unternehmen zu halten?

Ja, denn mit Intrapreneuership ist einerseits die Selbstverwirklichung und persönliche Sinnfindung innerhalb eines Unternehmens verbunden. Andererseits geht es um eine stärkere Identifikation und Bindung. Gibt ein Unternehmen seinen Talenten, die eigene Ideen vorantreiben wollen, keine Chance, steigt die Gefahr, dass sie ihre Motivation verlieren und am Ende vielleicht kündigen. Wir gehen davon aus, dass in jedem Mitarbeiter und jeder Mitarbeiterin das Potenzial steckt, zur Steigerung von Agilität und Innovationskraft eines Unternehmens beizutragen. Dieses Potenzial wird verschwendet, wenn die Führung keinen Raum dafür schafft.

 

 

Kann man Intrapreneurship lernen?

Entrepreneurship kann man lernen! Dafür braucht es Gründergeist und Fähigkeiten. Intrapreneurship ist nichts anderes als Entrepreneurship im Unternehmen – also kann man auch das lernen. An der DHBW Mannheim entwickle und plane ich gerade einen Zertifikatslehrgang zu den Themen Social Entrepreneurship, Intrapreneuership und Innovationsentwicklung, der im nächsten Frühjahr seine Premiere haben wird. Zu Ersterem promoviere ich auch gerade an der Universität Trier. Ich untersuche die Unterstützungslandschaft für SocEnt im DACH-L-Raum. Zu Intrapreneurship plane ich derzeit eine kleine explorative Studie mit Fokus auf kleine und mittlere Unternehmen. Die Forschungsergebnisse sollen direkt in den Lehrgang einfließen. Meine Forschung ist insgesamt sehr praxisorientiert, denn ich will einen Mehrwert schaffen und die Themen voranbringen, sowohl an der DHBW als auch in der freien Wirtschaft.

 

 

Letzte Frage: warum Mannheim?

Naja, zunächst, ganz unromantisch, war es die DHBW in Mannheim, die mir sofort eine Stelle mit Möglichkeit zur Promotion anbot, nach der ich gezielt suchte – das brachte mich nach Mannheim. In der Zwischenzeit sind mir wunderbare Dinge hier passiert. Beispielsweise traf ich zufällig auf der Straße meine beste Grundschulfreundin, die ich anderthalb Jahrzehnte aus den Augen verloren hatte. Ich erfuhr außerdem, dass meine Vorfahren – ich bin Russlanddeutsche – aus Mannheim stammen. Will sagen, ich fühle mich der Stadt emotional schon sehr verbunden. Und was mich hier auch hält, ist das Gefühl, dass ich von hier aus wirklich etwas bewegen kann. Und dieses Gefühl geben mir die Organisationen, Institutionen und Menschen, die hier ansässig sind, die ich in den letzten drei Jahren kennenlernen durfte und mit denen ich zusammenarbeiten darf.


Interview: Paul Heesch / LA.MAG

Fotos: Daniel Lukac




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