OPASCA

Mannheimer Gesundheitsrevolutionäre – Lösungen für das digitale Krankenhaus der Zukunft

Davon können Patienten meist nur träumen: im Krankenhaus keine Wartezeiten, mehr Sicherheit, entspanntes Personal und weniger Fehler. Das Mannheimer Unternehmen OPASCA hilft seit 2011 Kliniken beim Workflow-Management mit Digitalisierungslösungen wie sensorbasierter Datenerfassung oder Echtzeitanalysen. Die drei Gründer Timo Machmer, Steffen Liebscher und Alexej Swerdlow revolutionieren mit ihren Ideen den Behandlungsverlauf – und haben jetzt auch im Ausland den Entwicklungs-Turbo gestartet …

 

Welche Idee treibt OPASCA an?

Alexej Swerdlow: Heute kommt ein Patient ins Krankenhaus und muss häufig stundenlang warten. Wir bei OPASCA haben den Anspruch, Wartezeiten zu verhindern. Wir digitalisieren den kompletten Behandlungsprozess und machen ihn effizienter, besser, schneller.

 

Das Gesellschafter-Trio von OPASCA: Timo Machmer, Alexej Swerdlow und Steffen Liebscher (v.l.)

 

Eure Idee ist es also, den Patienten vom Einchecken in die Klinik bis zu Entlassung digital zu begleiten?

Alexej: Am besten schon von zu Hause aus! Mit unserer Systemlösung kannst Du mit Deinem Smartphone wie am Flughafen einchecken, dann weiß das Krankenhaus sofort, dass Du da bist. Da beginnen im normalen Klinikalltag momentan schon die Probleme, denn in der Regel sitzen Patienten zuerst lange im Wartezimmer, bevor es individuell festgestellt wird, dass sie da sind und vor allem welche konkrete Beschwerde sie ins Krankenhaus bringt.

Steffen Liebscher: Wenn Wartezeiten auftreten sollten Patienten über die Gründe informiert werden – ob beispielsweise ein Notfall dazwischengekommen ist. Wir machen den Klinik-Workflow für die Patienten transparent. Sie erfahren dann zum Beispiel schon zu Hause, dass ein Behandlungsgerät ausgefallen ist, dass die Reparatur zwei Stunden dauert – und dass sie entsprechend später kommen können. Wenn Abläufe transparent werden, ist das ein Vorteil für alle Beteiligten.

 

 

Warum haben Kliniken so große Probleme, ihren Workflow selbst zu organisieren?

Steffen: Alles ist hochtechnisiert und komplex, aber die Technik ist voll auf die medizinische Anwendung fokussiert. Selbst in den modernsten Geräten sind Patienten oder das Personal nicht oder nicht ausreichend in den Kliniksystemen berücksichtigt. Die Erfassung und Integration dieser Daten wird von uns tatsächlich wie von keinem anderen Hersteller adressiert – und das führt zu massiven Erleichterungen im Klinikalltag. Am Anfang haben wir das selbst kaum für möglich gehalten, aber jetzt, da unser System in verschiedenen Kliniken läuft, merkt man, was es bringt: die Menschen und die Workflows sind deutlich entspannter.

Und dadurch werden auch die Heilungschancen größer?

Steffen: Als Patient fühlst Du Dich entspannt und informiert natürlich viel wohler. Studien zeigen, dass Stressabbau tatsächlich die Heilung fördert. Das ist aber sehr schwer messbar.

Alexej: Wir haben mit Neukunden Kliniken besucht, die unser System bereits nutzen. Später sagten sie, es sei ihnen so vorgekommen, als ob die Klinikmitarbeiter Schauspieler gewesen wären – so entspannte Mitarbeiter würden sie aus dem eigenen Krankenhausalltag nicht kennen. Diese Erfahrung ist unser zentrales Marketing-Instrument. Wir haben ja nicht ein Produkt, das man einfach so auf den Tisch stellen kann, sondern wir optimieren komplexe Prozesse. Das Ergebnis ist dann unser eigentliches Produkt.

Und womit stattet ihr die Krankenhäuser ganz konkret aus?

Alexej: Das ist Hardware und Software, die das Zusammenspiel der verschiedensten Geräte und Prozesse analysieren. Wir bilden Prozesse aber nicht nur einfach digital ab, sondern wollen sie auch physisch verändern – und das zeichnet uns aus.

Mit OPASCA seid ihr 2011 ins Mannheimer IT-Gründungszentrum MAFINEX eingezogen – nun wollt ihr in den Technologie-Park Mannheim umziehen. Seid ihr so stark gewachsen?

Timo Machmer: Die luxuriöse Situation, dass wir wie hier im MAFINEX dreimal umziehen und uns vergrößern konnten, werden wir so schnell nicht wiederbekommen. Deshalb brauchen wir nun einen Standort, der uns langfristig ausreichend Raum bietet. Im Technologiepark haben wir dann auch die Möglichkeit mit Kunden in die direkt angrenzende Mannheimer Uni-Klinik zu gehen und ihnen dort unsere Lösungen zu zeigen.

 

 

Worauf muss man beim Firmenwachstum achten?

Alexej: Um Skalieren zu können, müssen bestimmte Strukturen geschaffen werden. Ohne eine gute HR-Abteilung etwa, können neu eingestellte Kolleginnen und Kollegen nicht richtig betreut werden. Einfach immer mehr Techniker einstellen geht nicht. Als wir zum ersten Mal über 12 Mitarbeiter hatten, musste der interne Informationsfluss plötzlich ganz neu organisiert werden. Eine Herausforderung, die wir vorher nicht kannten. Das waren die ersten Wachstumsschmerzen, die zweiten kamen mit 25 Leuten. Jetzt haben wir bereits 50 Mitarbeiter und strukturieren wieder massiv um.

Steffen: Unsere Mitarbeiter wachsen mit, manche tun sich damit schwer. Die wollten vielleicht nie in einer größeren, ständig expandierenden Firma arbeiten, sondern mochten das Familiäre lieber.

Timo: Der Wachstumsprozess betrifft alle im Team und es ist anstrengend, weil sich zentrale Dinge verändern. Wenn man uns vor zwei Jahren gefragt hätte, was Geschäftsführung ist, dann hätten wir eine andere Antwort gegeben als heute. Und in zwei Jahren ist es dann wieder anders. Auf allen Ebenen muss dieser Formungsprozess stattfinden. Oft ist es für Mitarbeiter, die schon länger im Unternehmen sind, nicht leicht, das mitzumachen. Das Begreifen und sich neu einstellen ist wichtig.

Steffen: Die Entwicklung vollzieht sich in der Medizintechnikbranche aber auch enorm schnell. Einige Monate bringen schon ganz schön viel Veränderung, der Alltag verändert sich ständig. Es entstehen permanent neue Stellen und Aufgaben, wie etwa Team-Building-Maßnahmen. Je größer wir werden, desto größer wird auch die Eigendynamik.

 

 

Setzt Ihr stark auf Eigenverantwortung?

Alexej: Ja, da achten wir sehr stark drauf. Das ist uns im Bewerbungsgespräch vielleicht wichtiger als die fachliche Eignung. Das Fachliche kann man leichter lernen als Verantwortungsbewusstsein.

Timo: Eigenverantwortung muss man den Leuten erstmal beibringen und dann muss man selbst lernen, dass man nicht mehr die komplette Verantwortung hat. Wir haben das verstanden und jetzt achten wir sehr darauf, dass unsere Leute im mittleren Management das auch tun.

 

 

Und der OPASCA-Spirit hält alles zusammen?

Alexej: Ja, den gibt es, aber auch der ändert sich – jetzt müssen alle diesen Teamgeist pflegen.

Steffen: Die gemeinsame Vision und Mission zu behalten, das ist essenziell. Wir werden auch nicht mehr nur als Startup wahrgenommen, als jung und dynamisch. Heute werden von uns vor allem Professionalität, Sicherheit und Zuverlässigkeit erwartet.

Wie waren die Anfänge von OPASCA?

Steffen: Wir sind im Oktober 2011 ins MAFINEX gezogen. Hier in Mannheim gab es sehr viel mehr Förderprogramme als im rheinland-pfälzischen Ludwigshafen, wo wir gegründet haben. Ein wichtiger Baustein für unsere Entwicklung war, dass der Beteiligungsfond der Stadt Mannheim bei uns investiert hat – worüber wir sehr glücklich sind.

Ihr kanntet Euch schon vor der Gründung?

Steffen: Wir haben alle drei technische Informatik in Mannheim studiert. Ich bin ja ein paar Jahre jünger und habe meine Diplomarbeit in Karlsruhe geschrieben. Kurz vor Abgabe kam dann der Anruf: Wie lange brauchst denn du noch für deine Diplomarbeit? Willst du nicht eine Firma mit uns gründen? Ich habe sofort ja gesagt.

Timo: Alexej und ich sind sogar schon zusammen zur Realschule gegangen und danach zusammen aufs Gymnasium. Ich musste dann zum Zivildienst. Alexej hatte Glück, er hatte damals noch nicht den deutschen Pass und musste das nicht. Über das Studium waren wir befreundet und haben uns dann zu Promotionszeiten wieder zusammengetan. Bei Alexej im Sonderforschungsbereich war eine Promotionsstelle frei geworden, auf die ich mich dann beworben habe.

Alexej: Meine Hauptmotivation ihn zu fragen war, dass ich jeden Morgen allein von Ludwigshafen nach Karlsruhe fahren musste und mir langweilig im Auto war… Nein, im Ernst: Timo passte als Entwickler einfach super in unseren Sonderforschungsbereich damals, in dem wir versucht haben, einen humanoiden Roboter zu entwickeln.

 

Referentin der Geschäftsführung: Marlen Humke

 

An welcher Funktion des Roboters habt Ihr gearbeitet?

Timo: Sehen und Hören. Dabei waren wir sind immer schon sehr lösungsorientiert. Wir wollten etwas,  was wirklich funktioniert. In der Forschungscommunity wurde das immer etwas belächelt. Aber genau das hat dann schließlich zur Gründung von OPASCA geführt.

Alexej: Am Ende unserer Promotionszeit kam es zufällig zu einer Aufgabe für uns – es ging um eine spezifische Lösung für die Strahlentherapie. Es sollte sichergestellt werden, dass das Gerät nur dann strahlt, wenn niemand anders als die zu bestrahlende Person im Raum ist. Auf dieser Lösung haben wir dann die Firma aufgebaut.

Timo: Diese Keimzelle von damals ist immer noch Teil unseres Leistungsspektrums. Personenschutz für die Strahlentherapie ist heute Bestandteil unserer Workflow-Suite im Bereich Strahlensicherheit. Daneben gibt es heute Patientenvalidierung und andere Module. Wir verkaufen kleine, einzelne Systeme,  aber auch ganze Ökosysteme.

Alexej, Du stammst aus Usbekistan und genau dort hat sich jetzt eine neue Möglichkeit für OPASCA aufgetan?

Alexej: Ich bin in Usbekistan geboren und mit 14 Jahren nach Deutschland gekommen. Ich hatte lange Zeit keine Beziehung mehr zu Usbekistan. Vor einem Jahr, als wir über die Internationalisierung nachdachten, habe ich mir dann die Frage gestellt, wie es eigentlich mit der Strahlentherapie in Usbekistan aussieht. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir ein Projekt auf Zypern, dort wurde gerade das zweite Strahlentherapiezentrum des Landes errichtet.

Jetzt sind wir gespannt…

Alexej: Dieses Zentrum hat ein Arzt aus Deutschland gegründet, der nach 50 Jahren in seine Heimat Zypern zurückgekehrt ist. Diese Klinik hat OPASCA ausgestattet. Ich habe dann meinen Vater angerufen und der hat wiederum Freunde angerufen und mir mitgeteilt, in Usbekistan gäbe es keine Strahlentherapie. Und das bei 32 Millionen Einwohnern! Deutsche Maßstäbe angelegt, bräuchten sie dort 200 bis 300 Bestrahlungsgeräte. Stand heute haben wir eine Tochtergesellschaft gegründet, die in Usbekistan eine Strahlentherapieklinik errichten, in Betrieb nehmen und betreiben soll.

 

 

Warum werdet Ihr selbst zu Betreibern?

Alexej: Weil das Knowhow fehlt! Das ist in vielen Ländern, etwa auch in afrikanischen, oft so. Die Weltbank beispielsweise finanziert teure Geräte, aber die können dann gar nicht richtig betrieben werden, weil das kompetente Personal fehlt. Wir werden deutsche Standards dort einführen. Deswegen war ich seit 23 Jahren das erste Mal in meinem früheren Heimatland. Anfang Oktober haben wir dort den allerersten zentralasiatischen Strahlentherapiekongress ausgerichtet, was ein toller Erfolg für uns ist. Neben zahlreichen Ärzten und Fachleuten aus Usbekistan und den umliegenden Ländern Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Kasachstan, Georgien oder Russland haben wir führende Experten und unsere Industriepartner aus Deutschland und USA, aber auch Vertreter aus der Politik für uns gewinnen können, zum Beispiel vom Finanz- und Gesundheitsministerium Usbekistans. Das mediale Echo und die Motivation, die medizinische Versorgung für die rund 70 Millionen Menschen in Zentralasien zu verbessern – insbesondere in der Strahlentherapie – war herausragend! Es warten spannende Herausforderungen auf uns …


Interview: Paul Heesch / LA.MAG

Fotos: Daniel Lukac

www.opasca.com

www.mafinex.de 




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