HEUT‘ NACHT ODER NIE

Im Interview: Der neue Mannheimer Night Mayor Robert Gaa

Vor knapp zwei Jahren initiierte STARTUP MANNHEIM mit Hendrik Meier den ersten offiziellen Nachtbürgermeister bundesweit. Die Einführung des ersten Night Mayors Deutschlands hatte  damals sogar weltweit große Wellen geschlagen – jetzt läuft seine Amtszeit aus. Dem Bewerbungsaufruf von STARTUP MANNHEIM und EventKultur Rhein-Neckar e.V für seine Nachfolge folgten zwanzig Kandidat*innen – Robert Gaa hat das Rennen gemacht. Der gelernte Industriemechaniker, DJ und Veranstalter übernimmt das Ruder am 1. August 2020 und brennt schon jetzt für all das, was ihn erwartet. Bis Ende des Jahres wird sein Vorgänger ihm allerdings noch zur Seite stehen. Wir haben Robert gefragt, wie es weitergeht, wo er seine größten Herausforderungen sieht und warum er genau der Richtige für das Amt ist.

 

Was war für Dich ausschlaggebend, Dich zu bewerben?

Ich bin schon lange ein Teil der Festivalszene sowie des Nachtlebens und habe dadurch auch schon viele Kneipen, Clubs und Festivals miterlebt, die leider aufgrund vielseitiger Gründe schließen mussten. Ich wollte nun nicht länger mehr nur die Position des ¨Nörglers¨ einnehmen, der sich immer nur beschwert was nicht so gut läuft, sondern vielmehr ein aktiver Part sein, der zusammen mit allen beteiligten Akteuren an der Umsetzung neuer Ideen und der Lösung alter und zukünftiger Probleme arbeitet.

Wieso glaubst Du, ist die Wahl für die Nachfolge des ersten Night-Mayors auf Dich gefallen? Was glaubst Du, macht Dich zur bestmöglichen Besetzung?

Ich glaube ich konnte bei meinem Bewerbungsgespräch mit meinem Enthusiasmus und meinen Ideen überzeugen. Ich hoffe, man hat dabei gemerkt, dass es mir eine Herzensangelegenheit ist, mich für die Belange des Nachtlebens und der Bürger*innen einzusetzen. Gerade durch meine Tätigkeit als Veranstalter und DJ weiß ich, mit welchen Problemen man zu kämpfen hat und wie wichtig eine Person sein kann, die bei bestimmten Themen wie z.B. Locationsuche, Vermittlung mit Anwohner*innen etc. sein kann. Ich selbst habe auch eine lange Zeit in einer Straße gewohnt, die bei den Nachhausegehern der umliegenden Kneipen sehr beliebt als Durchgang war. Daher weiß ich auch wie die Anwohner*innen, die in dem Moment kein aktiver Teil des Nachtlebens sind, davon beeinträchtigt werden können.

Du kommst aus einer ganz anderen Branche und bist nicht in Mannheim geboren. Was qualifiziert ausgerechnet Dich?

Ich bin zwar kein gebürtiger Mannheimer aber dafür im Herzen! Ich habe nach meinem Umzug nach Mannheim relativ schnell Anschluss in einem Kunst- und Kulturverein Namens peer23 gefunden. Dort habe ich mich auch schon sehr zügig an der Planung von Veranstaltungen und Bauvorhaben beteiligt. Da sich dieser Verein mittlerweile zu einem Lebensmittelpunkt von mir entwickelt hat, könnte ich mir ein Leben außerhalb von Mannheim nicht mehr vorstellen. Was mich aber wirklich für dieses Amt qualifiziert, ist meine brennende Leidenschaft, das hiesige Nachtleben weiter zu entwickeln und meine eigenen Spuren in meiner Wahlheimat zu hinterlassen. Ich habe eine Vision, wie mein perfektes Mannheim aussehen kann und ich glaube, wenn alle Akteure zusammen arbeiten, können wir diese Stadt noch ein Stückchen einzigartiger machen.

 

 

Worin siehst Du Deine größte Herausforderung? Wovor hast Du in diesem, für die Stadt sehr wichtigen Amt, wirklich Respekt?

Ich würde zu dieser Frage gerne eine einzige Antwort geben. Denn als größte Herausforderung sehe ich ganz klar mein Auftreten auf einer Bühne vor einem internationalen Publikum, welches auf meine Worte achtet und nicht auf die Musik, die ich ihnen zuspiele. Gleichzeitig habe ich auch riesigen Respekt vor der Verantwortung als Redner. Denn Worte können unglaublich tiefe Spuren hinterlassen und Menschen nachhaltig beeinflussen. Dies kann Musik auch, aber als DJ hantiere ich mit den musikalischen Produktionen anderer. Als Redner kommen die Worte, die ich von mir gebe aus meinem Geist und dass diese Wörter Menschen nachhaltig beeinflussen können, das finde ich beeindruckend. Ich hätte früher niemals damit gerechnet, dass meine Worte mal ein großes Gewicht haben könnten.

Du wirst als Schnittstelle zwischen Gastronom*innen, Bürger*innen, Nachtkultur und Behörden fungieren. Worin siehst Du darin die Problematik?

Die größte Problematik sehe ich ganz klar in den verschiedenen Interessen der einzelnen Gruppen. Diese Interessen unter einen Hut zu bekommen und eine Lösung zu finden, die für alle Beteiligten zufriedenstellend ist, das ist in meinen Augen eine der größeren Herausforderungen, die dieser Job mit sich bringt. Besonders wichtig ist dabei, dass Probleme frühzeitig erkannt und angesprochen werden und möglichst früh der Dialog gesucht wird.

Was ist in Deinen Augen aktuell in der Szene optimierbar?

Da uns das Thema Corona noch im Griff hat und gerade die Livemusik-Spielstätten, große und kleine Theaterhäuser, Clubs und Diskotheken, sprich alle Locations, in denen sich viele Menschen auf relativ engem Raum drängen, noch sehr von den Maßnahmen betroffen sind und auch erst mal keine Lockerungen in Sicht sind, müssen wir nun Lösungen finden, wie wir diese Venues bestmöglich unterstützen können. Wünschenswert wären dabei Lösungen, die nicht nur ein Provisorium sind, sondern auch in Zukunft einen Mehrwert für diese Stadt bedeuten. Ein Problem, welches auch schon vor Corona aufgetreten ist, sind die Schließungen der kleinen bis mittleren Live-Venues in denen vor allem jungen Nachwuchskünstler*innen eine Bühne geboten wird. Als ich mit dem Auflegen anfing, gab es kaum Möglichkeiten, sich mal außerhalb von privaten Veranstaltungen zu präsentieren und so ein Gefühl zu bekommen, wie sich ein Auftritt vor einem Publikum anfühlt. Dies betrifft nicht nur die elektronische Musikszene, sondern auch sehr stark jegliche Richtung an Live Musik. Dieses Problem sollte unbedingt angegangen werden, damit wir die vielen jungen Künstler*innen in Mannheim weiter unterstützen und die musikalische Diversität in Mannheim aufrechterhalten können.

Du sagst, Du hast die Arbeit Deines Vorgängers aufmerksam verfolgt. Was hättest Du anders gemacht und warum?

Wenn ich genauer darüber nachdenke, hätte ich nichts wirklich anders gemacht. Hendrik hat viele wichtige Projekte gestartet, die sich mit meinen Interessen und Zielen decken. Ich hätte einzelne Projekte wie z.B. die Pfandkisten stärker vorangetrieben. Dies finde ich unglaublich wichtig, damit Menschen nicht mehr die Mülleimer durchsuchen müssen und die Allgemeinbevölkerung sensibilisiert wird, dass Pfand für viele Menschen mehr als nur Müll ist. Aber auch Projekte wie der „Round Table“, bei dem sich die Betreiber*innen verschiedenster Locations austauschen können und neue Projekte vorgestellt werden, sind in meinen Augen unbedingt weiter zu führen. Etwas Ähnliches haben wir letztes Jahr im Verein auch gestartet. Dabei ging es um das Erstellen eines Netzwerkes für die Kollektive der Region, um gemeinsam Projekte ins Leben zu rufen und sich gegenseitig auszutauschen. Ich bin der Meinung, dass gemeinsam um einiges mehr erreicht werden kann, als wenn jede*r sein eigenes Süppchen kocht.

 

 

Was sind die drei wichtigsten Projekte, die Du in den kommenden Jahren angehen willst? Wie sind diese umsetzbar?

Eines meiner Herzensprojekte ist die Schaffung eines Freifeiergesetzes. Wie viele bestimmt wissen, gibt es deutschlandweit und natürlich auch in unserer Region jeden Sommer unzählige nichtkommerzielle Veranstaltungen, die von Privatpersonen oder Kollektiven durchgeführt werden. Diese Veranstaltungen bewegen sich leider sehr oft am Rande der Illegalität, da diese mit der aktuellen Gesetzeslage nicht durchführbar sind. Bremen hat dabei eine Vorreiterstellung eingenommen und ein Gesetz erlassen, welches solche Veranstaltungen nach vorheriger offizieller Anmeldung ohne großen bürokratischen Aufwand ermöglicht. Alternativ könnte auch eine Freifläche erschlossen werden, die nach einer Anmeldung bespielt werden darf. Da für die Buga23 auch Bühnen vorgesehen sind, sehe ich da eine große Chance, diese später für solche Zwecke nutzen zu können.

Wie oben schon angesprochen, finde ich es auch sehr wichtig, kleine bis mittlere Live-Venues besser zu unterstützen und Neugründungen zu fördern. Für mich wären dabei Steuervergünstigungen oder auch die Einrichtung eines Schallemissionsschutzfonds denkbar, da gerade Einrichtungen in der Innenstadt sehr oft mit natürlich auch gerechtfertigten Beschwerden der Anwohner zu kämpfen haben. Gerade für eine Musikstadt wie Mannheim, in der sich viele Künstler*innen tummeln, ist der Erhalt und die Förderung der Clubkultur ein sehr wichtiges Thema.

Ein weiterer Punkt ist die temporäre Schaffung von Orten, in denen sich junge Künstler*innen, Veranstalter*innen und Gastronom*innen ausprobieren können. Das Projekt „Startraum“ hat da schon hervorragende Vorarbeit geleistet, jedoch sollte dies weiter ausgeweitet werden. Mannheim ist gerade in den innerstädtischen Bereichen sehr eng geworden. Dennoch gibt es noch vergleichsweise viel Immobilienleerstand in dieser Stadt. Diese leerstehenden Räume könnten sehr gut für Pop-Up Ideen und Veranstaltungen jeglicher Art genutzt werden. Als Privatperson hatte ich schon öfters Kontakt mit Vermieter*innen, die so etwas kategorisch abgelehnt haben, obwohl die Immobilie schon länger nicht vermietet war. Ich habe nun die Hoffnung, dass ich mit einem offiziellen Amt und der Unterstützung der Stadt dort erneut in den Dialog gehen kann.

In deinem neuen Job wirst du viel Kontakt zu unterschiedlichen Teilen der Verwaltung haben. Kommst du damit klar?

Auf jeden Fall! Meine Mutter ist Chefsekretärin des Oberbürgermeisters einer Kleinstadt in der Nähe von Heidelberg. Dadurch war ich immer mal wieder zu Besuch im Rathaus und habe auch schon einige Gespräche mit verschiedenen Bürgermeistern geführt. Ich wurde dort immer sehr freundlich empfangen und genau so empfand ich auch meinen ersten Besuch im Mannheimer Rathaus.

Was macht Mannheim und seine Nachtkultur so besonders?

Seine große Diversität. Ich finde das klingt oft schon etwas abgedroschen, aber wir haben hier eine sehr große kulturelle Vielfalt für eine Stadt knapp mit ca. 320.000 Einwohner*innen. Wir haben viele sehr gute Bars und Restaurants, Live-Konzerte von sehr klein bis sehr groß, von jungen Nachwuchstalenten bis zu Weltstars, sehr viele kleine Theater und natürlich das Nationaltheater Mannheim. Nicht zu vergessen natürlich auch die ganzen Stadtteilfeste mit ihren sehr diversen Themen.

Hast Du eine Lieblingsbar oder einen Lieblingsclub?

Das würde ich so nicht sagen. Für jeden Anlass gibt es verschiedenste Anlaufstationen. Möchte ich in eine Bar habe ich eine Riesenauswahl in der Innenstadt und im Jungbusch, dass ich mich manchmal gar nicht entscheiden kann, wohin ich möchte. Für schweißtreibende Tanzabende gehe ich gerne in die Disco Zwei oder auch mal in das JUZ und für ein kühles Feierabendbier mit Live-Musik bin ich auch sehr gerne am ALTER. Wenn ich mal komplett aus der Realität verschwinden möchte, fahre ich raus ins peer23 und arbeite dort an allerlei Projekten oder genieße einfach die Einzigartigkeit dieses Ortes.

Dein Herz schlägt eher für elektronische Musik. Die Szene ist aber weit mehr als das. Glaubst Du, auch Anliegen von Schlagerfans und Rockern mit gleicher Initiative, Einsatz und Herzblut vertreten zu können?

Da mache ich mir absolut keine Gedanken. Zu meiner Jugendzeit war ich eher in der Metalszene zu verorten und habe auch schon mehrmals das Wacken und später auch Festivals wie das Southside besucht. Generell bin ich musikalisch sehr divers sozialisiert und habe schon mit fast jeder Musikrichtung Zeit verbracht. Von daher denke ich, dass ich jedem Bedürfnis gleichermaßen gerecht werden kann, egal aus welcher Richtung dieses kommt.

https://www.facebook.com/NightMayorMannheim/




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