Licht im Nachtleben

Andreina Seijas auf der NØK

Lange muss Andreina Seijas nicht überlegen, um auf die Frage zu antworten, ob sie lieber den Tag mag oder die Nacht. „Ich bin definitiv eine Nachtperson“, sagt sie und lacht. Nachts könne sie sich besser konzentrieren und besser arbeiten. „Schon als junges Mädchen habe ich meine Hausaufgaben immer nachts gemacht, wenn meine Schwester und meine Eltern ins Bett gegangen sind“, erzählt sie weiter. Was natürlich dazu führte, dass Andreina Seijas morgens immer müde war.

Auch heute noch macht die gebürtige Venezolanerin gerne den Tag quasi zur Nacht. Sie hat sich beruflich auf das Nachtleben konzentriert, schreibt gerade an der Harvard University in Boston ihre Doktorarbeit – natürlich im Bereich Nachtplanung und Nachtpolitik bezogen auf die Arbeitswelt –, war unter anderem aber auch schon für einen Bürgermeister ihrer Heimatstadt Caracas tätig oder als politische Beraterin in New York. Am 21. Oktober wird Andreina Seijas nach Mannheim kommen und als Rednerin auf der NØK von ihren Erfahrungen und der wachsenden Relevanz der Nacht für die Städte erzählen, die laut ihr auch das Amt des Nachtbürgermeisters hervorbrachte.

Dass sich Andreina Seijas professionell den sozialen und politischen Seiten des Nachtlebens gewidmet hat, verdankt sie vor allem dem Soziologen Gerardo Gonzales, mit dem sie gut befreundet ist. „Er machte gerne lange Spaziergänge durch die Stadt“, erinnert sie sich. 2008 gesellte sich Andreina Seijas dazu. „Und eines Tages hatte er die Idee, sich zu verschiedenen Uhrzeiten an einen bestimmten Ort zu setzen und die Menschen zu beobachten.“ Das Ziel: Er wollte herausfinden und festhalten, wie sich menschliche Verhaltensmuster zu unterschiedlichen Uhrzeiten ändern. „Und plötzlich wurde aus einem Hobby ein Beruf“, so die Kommunikationsexpertin. Denn die beiden merkten, dass sich diesbezüglich ein großes Forschungsfeld eröffnete. Ein Feld, das Andreina Seijas heute „Night Studies“ nennt. An der London School of Economics widmete sie sich ab 2010 studientechnisch dem Forschungsfeld „urbanes Nachtleben“ und schrieb ihre Abschlussarbeit zum Thema „Die Wichtigkeit der Nacht für junge Menschen“. In der Zwischenzeit ist Andreina Seijas eine gefragte Expertin, wenn es um das urbane Nachtleben geht.

Auch in Mannheim ändert sich das Nachtleben. „Das Ausgehverhalten der Menschen hat sich in den letzten Jahren definitiv verändert“, sagt Dr. Matthias Rauch, Leiter der Kulturellen Stadtentwicklung bei STARTUP MANNHEIM. „Diesen Herausforderungen wollten wir in Mannheim proaktiv begegnen und haben deshalb als erste und bislang einzige deutsche Stadt die Position eines Nachtbürgermeisters geschaffen. Dieser soll unter anderem eine noch bessere Einbindung aller Akteure des Nachtlebens gewährleisten, im Konfliktfall frühzeitig mediatorisch wirken und innovative Impulse gemeinsam mit den Akteuren entwickeln“, so Rauch weiter.

„Mit der NØK haben wir die einzigartige Chance, internationale Kompetenz im Bereich Nachtkultur in die Stadt zu holen, um sich mit den Mannheimer VeranstalterInnen und BetreiberInnen untereinander zu vernetzen, auszutauschen und spannende neue Informationen rund um das Thema Nachtleben zu erhalten“, ergänzt Nachtbürgermeister Hendrik Meier, der jetzt etwas mehr als ein Jahr im Amt ist.

Das Team der kulturellen Stadtentwicklung (v. l.): Hendrik Meier, Dr. Matthias Rauch und Anna Blaich

Doch es ist bei weitem nicht nur die venezolanische Expertin, die Mannheims erste „International Night Culture Conference“ bereichert und über die Bewegungen im Nachtleben berichtet. Nach Andreina Seijas Keynote werden in einer anschließenden Podiumsdiskussion spannende Fragen gestellt, über die weitere nationale und internationale Experten diskutieren: Wie hat sich die Nacht über die Jahre geändert? Wie erkennen wir die Relevanz der Nacht als Teil unserer heutigen Gesellschaft? Und wie können wir sie stärker in die Öffentlichkeit rücken? Kann man das Konzept einer 24-Stunden-Stadt auch auf andere Städte übertragen? Und welches sind die kulturellen und wirtschaftlichen Funktionen des Nachtlebens in der heutigen Gesellschaft?

Mit dabei ist am Konferenztag auch Merlijn Poolman, der „Night Mayor“ der holländischen Stadt Groningen. Er berichtet von seiner Arbeit, bevor verschiedene Akteure der Nachtkultur über das „Global Night Mayor Movement“ diskutieren, eine Bewegung, die mittlerweile Positionen in über 40 Städten weltweit verzeichnen kann – mit steigender Tendenz. Zur Sprache kommt zum Beispiel, wie es Nachtbürgermeister schaffen, die Qualität der Kommunikation zwischen der Verwaltung, Bar- und Clubbetreibern sowie Anwohnern zu verbessern. Und vor allem wird die Frage in den Raum gestellt, ob man überhaupt das „Amt“ des Nachtbürgermeisters benötigt.

Die Vorsitzende des Clubverbands EventKultur Rhein-Neckar, Zora Brändle, stellt hingegen eine von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) durchgeführte Studie zur Veranstaltungswirtschaft der Metropolregion vor, die unter der Leitung von Professor Dr. Carsten Schröer durchgeführt wurde. Auch das dürfte wieder eine Steilvorlage für die anschließende Podiumsdiskussion sein, in der die Erkenntnisse der Studie sowie weiterer aktueller deutscher Clubstudien vertieft werden und über die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen moderner (Live-)Club-Kultur gesprochen wird.

Den Abschluss des ersten NOK-Tages bildet ebenfalls eine Diskussionsrunde über kulturelle Freiräume in großen Stadtentwicklungsprozessen wie beispielsweise der Bundesgartenschau, die in knapp vier Jahren Mannheim ansteht. Im Mittelpunkt stehen dabei der BUGA23-Geschäftsführer Michael Schnellbach, der Geschäftsführer der Deutschen Bundesgartenschau GmbH, Jochen Sandner, sowie Vertreter aus den Metiers Stadtplanung und Clubverband. Sie versuchen herauszukristallisieren, wie die Stellung von Kunst und Kultur im öffentlichen Raum gestärkt oder wie die Kultur ein zentraler Punkt, vielleicht sogar eine treibende Kraft bei größeren städtischen Entwicklungsprozessen wie der BUGA23 werden kann.

Dem ersten spannungsreichen Konferenztag folgt die zweite Runde der NØK. Am 22. Oktober richtet STARTUP MANNHEIM für ausgewählte deutschsprachige Kommunen einen ganztägigen Workshop mit Vertreterinnen und Vertretern aus Gesellschaft, Politik und Verwaltung aus. Mit ihm soll herausgearbeitet werden, welche Ansprüche an die Position einer Nachtbürgermeisterin beziehungsweise eines Nachtbürgermeisters gestellt werden können und wie diese Position strukturiert und auf die jeweilige Kommune und deren Bedarfe angepasst werden kann. In über 15 deutschen Kommunen wird aktuell über die Einführung eines „Night Mayors“ diskutiert und SSTARTUP MANNHEIM möchte diese Kommunen bei der Konzeption und Einführung dieser Position mit der Erfahrung aus Mannheim unterstützen. Impulse aus Berlin, Groningen, Wien und Zürich werden die Mannheimer Perspektive ergänzen.

Es steht also eine ganze Menge zu Mannheims erster internationaler Nachtkultur-Konferenz an. Eine hochkarätige Speaker-Gruppe verspricht spannende Diskussionen, die mit Sicherheit ihren Teil zum Phänomen des nachtkulturellen Wandels beitragen werden. Auch Andreina Seijas ist von der Strahlkraft einer solchen Konferenz überzeugt. „Das ist eine großartige Möglichkeit, die viele Menschen aus der ganzen Welt zusammenbringt, um über diese Punkte zu sprechen.“ Das weltweite Expertennetzwerk werde immer größer. „Und deshalb glaube ich, dass es wichtig ist, solche Räume für den Dialog zu schaffen. Ich fühle mich geehrt, bei dieser Konferenz dabei sein zu dürfen.“

 

Mehr Infos zur NØK und wie ihr euch anmelden könnt, erfahrt ihr hier: www.noek-conference.com




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