GALLION

Vom Startup zur festen Größe – Filme aus der Tiefe der Stadt

Nach fast zwei Jahren Produktionszeit kommt 2017 „Niemandsland“ in die Kinos – das neueste Werk der Mannheimer Filmproduzenten Gallion. Der Kino-Film dokumentiert die Entwicklung des „Benjamin Franklin Village“. Lange war die riesige Konversionsfläche die größte Wohnsiedlung der US-Armee in Deutschland – nun soll das stadtplanerische Großprojekt die Zukunft des Wohnens, Lebens und Arbeitens in Mannheim neu definieren. Im Interview berichten Donni Schoenemond und Philipp Kohl von Gallion über ihre Erlebnisse im „Niemandsland“ – und als Startup in Mannheim.

 

Wann habt Ihr Gallion gegründet und wie kam es dazu?

Donni: Ich habe Musik studiert und mich schon immer für Film interessiert. Darum habe ich vor acht Jahren angefangen als Freelancer Videos zu produzieren. 2013 habe ich zusammen mit Joko (Johannes Kaltofen, Anm. d. Red.) Gallion gegründet, 2014 kam dann Philipp dazu. Interessant ist, dass wir alle Quereinsteiger sind, niemand von uns war an einer Filmhochschule. Das macht unsere Geschichte und ich denke auch unseren Stil speziell.

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Die Mannheimer Filmproduzenten Gallion: Donni Schoenemond und Philipp Kohl (rechts)

 

Was hat es mit dem Namen Gallion auf sich?

Donni: Gallion ist ein Fantasiename. Die Bedeutungsverwandtschaft mit dem Thema Seefahrt, der Galionsfigur, der Galeere etc. ist aber durchaus gewünscht. Schließlich sitzen wir mit dem Büro im C-HUB ja auch im Mannheimer Hafen.

Was habt Ihr vorher gemacht?

Philipp: Ich habe Ethnologie und Politikwissenschaft in Heidelberg studiert und am Ende meines Studiums ein Filmprojekt namens „Transnationalmannschaft“ begonnen. Das Projekt wurde sehr bekannt und hat viel mediale Aufmerksamkeit erhalten. Für „Transnationalmannschaft“ habe ich die Integrationsmedaille der Bundesregierung bekommen. Danach habe ich dann erstmal mein Studium abgeschlossen, habe aber schnell gemerkt, dass ich aus der Filmnummer nicht mehr rauskomme (lacht). Nach meinem Studium habe ich ein Jahr lang für eine Landtagsabgeordnete als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet. Da durfte ich sehr viel lernen. Schließlich habe ich Donni kennengelernt und bin so dann zu Gallion gekommen. Da man in der Ethnologie auch oft mit Film arbeitet, meist als Datenquelle, generiert sich mein Bezug zu Film hierüber.

Donni: Ich bin 2004 nach Mannheim gekommen und habe die Band My Baby wants to eat your Pussy gegründet. Das waren die Anfänge von YouTube damals und wir fanden es als Band extrem spannend, dort Videos veröffentlichen zu können. Das Ganze hat schnell große Ausmaße angenommen, sodass wir unsere eigenen Musikvideos und Musikvideos für andere Bands produziert haben. So habe ich meine Leidenschaft für Film entdeckt, insbesondere fürs Schneiden, Editieren und Konzipieren.

Welche Dienstleistungen bietet Ihr an und wie kommt Ihr an Eure Kunden heran?

Philipp: Wir bieten die gesamte Palette der Filmschöpfungskette an. Am häufigsten und liebsten realisieren wir Filme, die mit Musik und Kultur in Verbindung stehen oder dokumentarische Arbeiten jeglichen Formats. Marketing haben wir noch nie wirklich betrieben, 95 Prozent unserer Kunden kommen bei uns von Mund-zu-Mund-Propaganda.

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Hätte vermutlich auch David Lynch gefallen: das Mannheimer Benjamin Franklin Village – Schauplatz des Kino-Films „Niemandsland“.

 

Ihr habt Kunden aus vielen verschiedenen Branchen, wollt Ihr dauerhaft einen Schwerpunkt festlegen oder seid Ihr offen für alles?

Donni: Unsere Leidenschaft ist der Dokumentarfilm. Dort wollen wir auch langfristig unseren Schwerpunkt setzen. Das ist eine ganz besondere Arbeitsweise, die wir sehr spannend und einmalig finden. Wo sonst hat man die Möglichkeit, Einblicke in so viele verschiedene Kulturen und Lebenswelten zu erhalten?

Philipp: Auch hier kann ich wieder einen Bezug zur Arbeitsweise der Ethnologie herstellen. Wir möchten unsere Protagonisten so darstellen, dass vor allem sie sich gut repräsentiert fühlen. Ich finde es spannend, unterschiedlichste Menschen in ihrem Alltag zu begleiten.

Wie lange dauert es für Euch, ein fertiges Video zu produzieren und wie sehen die einzelnen Schritte aus?

Donni: Das kommt auf den Film an. Für „Niemandsland“, den Film, den wir gerade auf dem Gelände der ehemaligen Benjamin-Franklin-Village drehen, sind wir nun schon einundhalb Jahre unterwegs. Daran schließt sich noch die Postproduktion und die Auswertung an, die wird sicherlich auch nochmal ein halbes Jahr dauern. Das ist allerdings auch ein längeres Projekt.

Philipp: Kürzere Projekte können theoretisch schon zwei Tage nach Dreh fertig sein. „Niemandsland“ dauert so lange, weil wir hier einen 80-Minuten-Film mit Langzeitbetrachtung produzieren. Das ist einfach ein ganz anderes Format, ein ganz anderes Werk als die meisten Filme, die wir fürs Internet produzieren.

 

 

Welches waren bisher Eure spannendsten Projekte?

Donni und Philipp: „Niemandsland“!

Philipp: Das Projekt ist einfach sehr vielseitig und daher besonders spannend. In erster Linie hat „Niemandsland“ mit Stadtentwicklung zu tun und das ist sehr vielschichtig, weil es hier nur so von Schnittstellen wimmelt. Wir beobachten nicht nur Stadtplanung und Architektur, sondern auch und vor allem soziale und kulturelle Aspekte. Außerdem produzieren und schreiben wir die Musik zum Film, zusammen mit vielen Mannheimer Musikern, selbst.

Welche Inhalte erzählt der Film?

Philipp: Wir zeigen die Entwicklung der größten Konversionsfläche Mannheims zwischen dem Verlassen der Amerikaner und dem Beginn des Neuaufbaus, also in einer Phase, in der Konzeption, Vision und Abriss noch den Alltag bestimmen. Außerdem zeigen wir, wer hier alles auf die Fläche kommt. Im Prinzip portraitieren wir Menschen und deren Ideen in Bezug zu dieser Konversionsfläche.

Donni: Wir zeigen, wie das Leben zurück in die Geisterstadt kommt, das ist also ein sehr lebendiges Projekt. Als wir hier angefangen haben, waren die Amerikaner ein paar Jahre fort und alles war verwildert und verlassen. Im letzten Oktober kamen dann plötzlich Tausende Flüchtlinge hierher und die sind nun auch schon wieder weg. Das ist hier wie eine Kulisse, auf die verschiedene Akteure treten und ihr Spiel spielen.

Welche Erwartungen verbindet Ihr mit „Niemandsland? Was kann der Film für Euch, aber auch für die Stadt verändern?

Donni: „Niemandsland“ gibt uns die Möglichkeit, unser Profil als ein Label zu schärfen, das sich auf dokumentarisches Arbeiten fokussiert. Eine Kino-Produktion ist für uns zudem eine wichtige Referenz. Sie zeigt, dass wir in der Lage sind, Projekte einer solchen Größenordnung zu realisieren.

Es wird hier ein Stück Zeit- und Stadtgeschichte dokumentiert. Wir erwarten uns von daher, dass das Werk in 30 Jahren nicht weniger interessant ist als heute ist.

Welchen Bezug habt Ihr zu Mannheim?

Philipp: Ich bin Mannheimer und war auch immer Fan von Mannheim. Die Stadt ist für mich sowohl Heimat, Filmset als auch Forschungsgebiet.

Donni: Ich bin jetzt seit 12 Jahren Mannheimer und fühle mich hier sehr zuhause. Mannheim ist ein Ort, der Dir viel zurückgibt, wenn Du dich einbringst. Bei einer Stadt dieser Größenordnung darf man sich nicht beschweren wenn nichts abgeht – man muss selbst gestalten.

 

Philipp, hast Du durch Dein Filmprojekt „Transnationalmannschaft“ einen noch stärkeren Bezug zu Mannheim entwickelt?

Philipp: Auf jeden Fall. Ich habe durch den Film den Jungbusch noch mal neu kennengelernt. Dadurch, dass ich auf so viele Menschen aktiv zugegangen bin, bekam meine Verbindung zum Stadtteil eine neue Qualität. Außerdem konnte ich damals mit dem Film Mannheim, vor allem das multikulturelle Mannheim, auch außerhalb der Stadt bekannt machen.

 

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Fühlt Ihr Euch wohl im C-Hub? Was findet Ihr besonders an diesem Startup-Zentrum im Jungbusch?

Donni: Das C-Hub ist ein sehr guter Ort. Es funktioniert sowohl auf zwischenmenschlicher als auch auf beruflicher Ebene. Wir haben hier schon sehr viele spannende Kontakte geknüpft. Arbeiten fühlt sich hier selten wie Arbeiten an (lacht)!

Ist Mannheim also eine gute Stadt für Startups?

Philipp: Klar, dafür ist Mannheim mittlerweile ja auch ein Stück weit bekannt. Die vielfältig unterstützenden Maßnahmen der Stadt auf diesem Feld setzen sowohl an richtigen wie wichtigen Stellen an, sie schaffen Anreize und bilden Profil. Auch die Wirtschaftskraft der Region trägt dazu bei, dass junge Unternehmen hier beste Vorraussetzungen haben, um sprichwörtlich auf die Füße zu fallen.

Euer bester Rat für Gründer?

Donni und Philipp: Spaß an und bei der Arbeit tröstet über Erwartungsunsicherheiten und Risiko oft hinweg.

 

Interview: Mawayoflife
Fotos: Sebastian Weindel

www.gallion-film.com


Gallion waren neulich bei TALK TO, dem neuen Talkformat der Creative Commission zu Gast – das Video gibt‘s hier:




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