evid.one

Mannheimer App-Entwickler treiben die Digitalisierung der Medizintechnologie voran

Jeder Mediziner sollte sie kennen: evidenzbasierte Richtlinien, die über den aktuellen Forschungsstand informieren. Hunderte Seiten dick, versauern die PDFs viel zu oft ungelesen – zum Nachteil für Ärzte und Patienten. Die drei Macher der Mannheimer Startups evid.one und Solve Studios haben eine App entwickelt, um diesen Missstand zu beheben.  

 

Eine App für medizinische Richtlinien? Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?

Felix Franz: Wir sind alle drei sehr digital-affin und gesundheitsorientiert. Die Idee zu evid.one kam von und mit unserem Partner Johann Rink. Er ist der einzige von uns, der selbst Mediziner ist. Henry hat medizinische Informatik studiert, ich bin Psychologe (M.Sc.) – ein guter Mix!

Henry Müssemann: Johann ist zwar Mediziner, aber für digitale Lösungen hat er sich schon immer begeistert und er kann auch programmieren. An der Uni baute er nächtelang Webseiten um sich das Studium zu finanzieren. Johann hat mit meinem Bruder in einer WG gewohnt. Als wir uns kennengelernt haben, hat es fachlich gleich gefunkt: kein Wunder, wenn ein programmierender Mediziner und ein medizinischer Informatiker aufeinandertreffen. Es hat so gut gepasst, dass wir uns entschieden haben, in eine gemeinsame Firma zu investieren: Solve Studios.

 

Die Köpfe hinter evid.one und Solve Studios: Felix Franz, Johann Rink und Henry Müssemann (vlnr).

 

Moment – Solve Studios? Die sitzen doch im Gründungszentrum Mafinex

Henry: Das sind auch wir – wir fahren quasi zweigleisig. Solve Studios sitzt im Mafinex und evid.one im Cubex41. Es klingt verwirrender als es ist: Johann und ich waren gemeinsam bei Medinet-IT Gesellschafter und haben als Entwickler gearbeitet. Wir hatten aber Kunden aus verschiedensten Branchen, weshalb das „Medi“ im Namen eher hinderlich war – daher die Umbenennung. Im April 2018 ist evid.one ins Cubex41 gezogen, im Oktober Solve Studios ins Mafinex.

Felix: Ich bin über eine Stellenausschreibung zu Medinet-IT gekommen. Bei Henry und Johann ging es richtig zur Sache und die beiden haben Unterstützung in den Bereichen Kommunikation und Projektmanagement gesucht. So ist aus einem Duo unser Dreiergespann geworden.

 

 

Mafinex oder das Mannheimer Medizintechnologiezentrum Cubex41– wo verbringt ihr mehr Zeit?

Felix: Zurzeit sind wir öfter im Mafinex. Das liegt daran, dass wir mit Solve Studios unseren Lebensunterhalt verdienen. evid.one ist unser Baby, aber bis da die ersten Lizenzgebühren sprudeln wird es noch dauern. Für Meetings, Besprechungen und Networking rund um evid.one gehen wir ins Cubex41, der tägliche Broterwerb findet im Mafinex statt. Das wird sich aber mittelfristig ändern.

Ab wann können Ärzte mit evid.one rechnen?

Henry: Wir wollen in den nächsten Monaten in den ersten Arztpraxen und Krankenhäusern starten. Für den individuellen Nicht-Klinikarzt peilen wir einen Produktlaunch in 2020 an.

Felix: Von technischer Seite steht der Pilot bereit, inhaltlich arbeiten wir gerade Gynäkologie und Kardiologie ein. Wenn alles klappt, kann es in ein paar Wochen losgehen.

Wie funktioniert die evid.one-App? 

Felix: Man kann sich evid.one wie ein sehr detailliertes Inhaltsverzeichnis vorstellen. Die App funktioniert wie ein Entscheidungsbaum mit Suchfunktion, in den Empfehlungen integriert sind. Ärzte suchen nach einer Behandlungsempfehlung und arbeiten sich durch einige kurze und prägnante Fragen: von der Krankheit über das Krankheitsstadium hin zu den Nebenerkrankungen. So kommt man sehr schnell auf die Empfehlungen und kann dann tiefer ins Thema einsteigen. Vor allem aber kann man die Empfehlung direkt in eine Handlung umsetzen, und das macht den Unterschied.

Henry: Es ist sehr umständlich mit medizinischen Richtlinien zu arbeiten, die mehrere hundert Seiten umfassen. Ärzten fehlt oft schlichtweg die Zeit. Auch die schlechte Usability wird oft bemängelt. Dabei haben Mediziner ein großes Interesse daran, auf dem neuesten Stand der Wissenschaft zu behandeln. Wir haben eine effektive Lösung für dieses Problem geschaffen. evid.one funktioniert am Klinikrechner ebenso wie auf mobilen Endgeräten. Auf beiden Devices lässt sich die richtige Info blitzschnell finden.

 

 

Evid.one hat schon viele Tests durchlaufen. Wie ist die Resonanz der Mediziner?

Felix: Gerade junge Ärzte finden die Anwendung super. Das sind Menschen, die digitale Hilfsmittel ohnehin gerne nutzen. Mit den Tools, die sie bisher zur Verfügung hatten, waren sie oft unzufrieden. Entweder die User Experience lässt zu wünschen übrig oder die Informationen sind nicht valide. Super Resonanz gab es 2018 auch beim E-Health-Forum, wo wir mit evid.one mitgepitcht haben. Beim Publikums-Voting sind wir auf dem ersten Platz gelandet. Das hat uns sehr gefreut und uns nochmal extra Rückenwind gegeben.

Henry: Wir haben in den letzten Monaten viel positives Feedback bekommen. Kritik ernten wir nur selten und eher aus dem nichtmedizinischen Sektor. Dann kommen schon mal Fragen wie: „Brauchen Ärzte jetzt ne App? Das ging doch bisher ohne…“ oder wir hören Sprüche wie „Ich würde meine Gesundheit keiner App anvertrauen wollen“. Aber abwarten: von unserer Software werden Ärzte und Patienten gleichermaßen profitieren.

 

 

Kommen auch Patienten als User in Frage?

Johann: Geplant ist evid.one nur für Ärzte. Theoretisch wäre das aber möglich – ist nur nicht in unserem Fokus, denn wir wollen dem Arzt ja nicht die Kompetenz nehmen, Arzt zu sein. Wir wollen nicht, dass Patienten Entscheidungen anzweifeln und sagen „in evid.one steht aber…“ Der Arzt entscheidet und wir dienen ihm als Hilfe. Wir behaupten ja nicht, dass wir die einzig wahre Entscheidung liefern.

Felix: Die Behandlungsrichtlinien sind in der Regel frei zugänglich – wir bereiten sie nur anders auf und sorgen so dafür, dass sie besser zugänglich sind.

Hilft evid.one Medizinern auch bei der Diagnose von Krankheiten?

Felix: Jein, in Leitlinien z.B. geht es zwar auch um Diagnosen, wir fokussieren aber wesentlich stärker auf die Behandlungsmöglichkeiten. Ärzte müssen die entsprechende Krankheit auch zukünftig selbst diagnostizieren. Dann erst kann evid.one auf Basis allgemein akzeptierter Kriterien Therapien vorschlagen. Wir wollen mit unserer Software die Lücke zwischen Forschung und klinischem Alltag schließen und die Dauer des Wissenstransfers abkürzen.

 

 

Können Anwendungen wie evid.one eines Tages Ärzte ersetzen?

Henry: Das ist nicht unsere Philosophie, völlig undenkbar ist es aber nicht. Wir wollen die Rolle des Arztes so zu gestalten, dass er mehr Zeit am Patienten hat. Uns ist wichtig, dass sich Menschen um Menschen kümmern, nicht, dass Computerprogramme Menschen ersetzen. Eine solche Anwendung wäre nur in abgelegenen Gegenden mit akutem Ärztemangel begrüßenswert.

Johann Rink: Vorstellen kann man sich den digitalen Arzt der Zukunft schon, wünschenswert ist die Vision nicht. Patienten brauchen persönliche Behandlung und wollen, dass man sich um sie kümmert. Das kann und soll keine Software leisten.

Apropos Faktor Mensch – wie bekommt ihr zwei Startups gleichzeitig gewuppt?

Henry: Jedes Projekt ist uns wichtig und bringt neue Erfahrungen mit sich. Wenn wir im Kundenauftrag Webshops aufbauen, setzen wir uns mit neuen Technologien auseinander. Bei digitalen Geschäftsberichten eignen wir uns Strategien zur effektiveren Datenverwaltung an, die auch für evid.one nützlich sind. Und bei der Arbeit an Webseiten für Fotografen kann man an seinen gestalterischen Skills feilen.

Felix: Es funktioniert in beide Richtungen: dank evid.one hat sich Solve Studios vom Webseitenanbieter zum Zentrum für App-Entwicklung gemausert. Und ohne unser Daily Business könnten wir die Entwicklung von evid.one allein schon finanziell nicht schaffen – trotz schlanker Strukturen.

 

 

Entwickelt ihr softwareseitig alles selbst, oder holt ihr euch Unterstützung?

Henry: Wir haben lange überlegt, ob wir uns nicht direkt einen Investor mit ins Boot holen sollen. Über so eine Finanzspritze hätten wir uns zusätzliche Manpower besorgen können. Felix hat sich sehr dafür stark gemacht, dass wir in der Anfangsphase unabhängig bleiben. Im Nachhinein hatte er vollkommen Recht. So sind wir bisher schnell und unkompliziert vorangekommen.

Felix: Mir war’s wichtig, dass wir eigenständig durchstarten. Henrys Prototyp stand ja schon. Heute ist er der Hauptentwickler und bekommt Unterstützung von Johann und unseren beiden Werkstudenten. Es ist einfach ein gutes Gefühl zu wissen, dass man ein Projekt wie evid.one auch Inhouse gestemmt bekommt – von den ersten Mockups bis zum fertigen Produkt. Nun suchen wir für den Markteintritt und die Skalierung strategische Partner und Investoren. Durch unsere eigenständige Vorarbeit sind wir nun in einer guten Position für Verhandlungen.

 

 

Wie geht’s weiter mit evid.one und werdet ihr Mannheim treu bleiben?

Johann: Unsere Vision ist ein „Clinical Decision Support System“ bei dem auch Patientendaten einbezogen werden, zum Beispiel das Alter, Geschlecht, mögliche Vorerkrankungen – das alles hilft unserem System, dem Arzt wirklich relevante Informationen zu seiner Unterstützung zu liefern. Therapievorschläge wären dann optimal individualisiert und würden Ärzten eine Menge Zeit sparen; Zeit, die Mediziner in Patientenbetreuung investieren können. Das halten wir für eine echt interessante Sache, die einen großen Mehrwert schaffen würde. Genau dafür legen wir heute die Grundsteine.

Henry: Johann fantasiert da nicht – das sind echte Pläne, die wir auch umzusetzen werden. Und um deine Frage vollständig zu beantworten: wir bleiben hier in Mannheim! Ich habe mich im letzten Jahr super eingelebt und die Strukturen hier in den Mannheimer Gründungszentren sind perfekt für uns. Nachbarn wie RadioBox, ciconia und covexo findest du so leicht nirgends wieder. Das ist echt einzigartig.


Interview: Andreas Stanita / LA.MAG

Fotos: Ricardo Wiesinger

www.evid.one

www.solve-studios.de




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