Studieren und gründen!

MCEI - Mannheim Center for Entrepreneurship and Innovation

Steve Jobs, Bill Gates und Marc Zuckerberg mussten zu Gunsten ihrer Startups die Uni schmeißen. Dass das auch anders geht, beweisen die Formate des Mannheim Center for Entrepreneurship and Innovation (MCEI) an der Universität Mannheim, welche u.a. Studierenden optimale Bedingungen bieten, um Studium und Gründung miteinander zu verbinden. Jan Zybura, Mitbegründer des Mannheim Center for Entrepreneurship and Innovation und MCEI-Alumni, Jungunternehmer Steffen Alesch und Marko Jeftic haben uns verraten, wie es funktioniert. 

 

Jan, erzähl doch mal: Welche Idee steckt hinter dem Mannheim Center for Entrepreneurship and Innovation?

Jan Zybura: Das MCEI versteht sich als interdisziplinäres Zentrum für Unternehmertum und Innovation an der Universität Mannheim. Wir sind eine Plattform für Jungunternehmer, Gründungsinteressierte, Studierende, Sponsoren und Investoren. Genau genommen liegen unsere Wurzeln in der Gründungsberatung des Instituts für Mittelstandsforschung an der Universität. Als das MCEI Anfang 2013 mit der Arbeit begann, war die Wirtschaftsförderung noch eher dezentral strukturiert. Startup Mannheim gab es noch nicht, das Startup-Ecosystem Mannheim war aber schon mitten in der Entstehung. Gerade für Studierende war der Zusammenhang der Fördermaßnahmen nur schwer ersichtlich. Wir haben es uns zum Ziel gemacht, auf die Vielfalt der Maßnahmen aufmerksam zu machen und Angebote zugänglicher zu machen. Hierzu haben wir eine Plattform geschaffen, auf der sich verschiedene Akteure austauschen können und Studierende direkt mit der Gründerszene in Kontakt kommen. Die Arbeit stützt sich heute auf drei Säulen: Inspiration, Lehre, Support. Mit unserem schlanken Team ist es gelungen, viele eigene Unterstützungsformate und ein inspirierendes und funktionierendes Support-Netzwerk zu erschaffen. Unterstützt werden wir bei unserer Arbeit von vielen Partnern, die wir in unsere Angebote integrieren – z.B.  die studentische Unternehmensberatung INTEGRA e.V. bei Beratungsprojekten, die Mannheimer Gründerzentren, die Beratungsangebote von Startup Mannheim und Start im Quadrat, Osborne Clarke im Bereich legal und viele Angel-Investoren, partizipierende Startups und Coaches.

 

Das Team: Steffen Alesch, Marko Jeftic und Jan Zybura

 

Also treffen Studiere und Startups an der Uni aufeinander, um gemeinsam Startup-Projekte zu starten?

Jan: Ja, die Studierenden am MCEI sind aktiv in die Arbeitsabläufe partizipierender Startups im „Inside the Venture Programm“ integriert oder bringen ihre eigenen Gründungsprojekte mit –Frontalunterricht gibt es in den neuen Kursformaten kaum noch. Der Wissenstransfer findet maßgeblich zwischen den Studierenden und den Startups statt. Heute ist es kein Problem, die Masterarbeit in einem Startup – vielleicht sogar dem eigenen – zu schreiben. Mittlerweile laufen bei uns 20 bis 30 Projekte im Semester.

 Steffen Alesch: Bei unserem Startup Freachly hatten wir gerade erst drei Studenten, die auch inhaltlich voll mitgearbeitet haben. Alle waren total motiviert. Aber nicht nur das Commitment hat gestimmt, auch die Qualität ihrer Arbeit war super. Die Studenten haben bei uns ein 12-wöchiges Programm durchlaufen. Nach der Hälfte der Zeit haben sie eine Zwischenpräsentation ihres Projekts angefertigt, zum Abschluss dann eine finale Präsentation. Felix, einer von den Dreien, war so motiviert, den haben wir gleich dabehalten. Der hat erst ein Praktikum bei uns gemacht und jetzt ist er als Werksstudent bei Freachly angestellt. Er ist unser Mann für Mannheim. Hoffentlich bleibt er dem Team auch nach seinem Studienabschluss dann in Vollzeit erhalten.

 Marko Jeftic: Bei unserem Startup Orderpoints waren dieses Semester sogar gleich zwei Teams. Der Ansturm war gewaltig. Insgesamt hatten wir zwölf Wochen lang acht Studenten bei uns, die gehörig frischen Wind ins Büro gebracht haben. Es war spannend zu sehen, wie sie neue Sichtweisen und neue Lösungsansätze in die Arbeit integriert haben.

Jan, seit wann bist du beim MCEI dabei und wie gestaltet sich deine Arbeit dort konkret?

Jan: Das MCEI gibt es seit 2013. Ich habe es mitgegründet und bin Leiter des Zentrums. Dieses Semester betreuen wir mit unseren Formaten drei Kurse am Lehrstuhl Prof. Woywode, bei denen stets die Synergieeffekte zwischen der theoretischen Lehre und der praktischen Arbeit am MCEI im Vordergrund stehen. Ein Beispiel ist der Kurs Creativity and Entrepreneurship in Practice. Hier starten die Studenten bei Null. Zu Semesterbeginn gibt es keine Teams, keine Geschäftsidee und kein Geschäftsmodell. All das entwickeln wir mit den Studierenden in verschiedenen Prozessen. Die Besonderheit liegt darin, dass wir reale Projekte entwickeln und keine Showcases. Am Ende des Kurses hat jedes Team einen zehnseitigen Businessplan mit sauber recherchierter Validierung im Anhang erstellt und muss vor einer echten Investorenjury pitchen. Ein zweites Format sind die Inside-The-Venture-Projekte. Einerseits geht es dabei um die Möglichkeit, Bachelor- und Masterarbeiten in einem Startup zu schreiben; andererseits agiert das MCEI in diesem Kontext als Accelerator im klassischen Sinne. Im Rahmen eines Mentorings bringen wir studentische Projekte und etablierte Startups aus ähnlichen Themenbereichen zusammen. Gemeinsam setzten wir Meilensteine, begleiten die Entwicklung etappenweise und eruieren Zukunftschancen. Auch in diesem Format findet abschließend ein Pitch vor einer Investorenjury statt.

 

 

Wie unterscheiden sich Gründer verschiedener Fakultäten voneinander?

Jan: Das Angebot des MCEI wendet sich ganz bewusst an alle Studierenden der Universität Mannheim und deren Co-Founder. Interdisziplinarität ist uns eine Herzensangelegenheit. Definitiv stoßen da sehr unterschiedliche Denkweisen aufeinander. Für viele Studierende sind Leistungsnachweise in den Wirtschaftswissenschaften nicht immer grundsätzlich vorgesehen. Dabei haben gerade Studierende der Informatik, der Mathematik und der Kulturwissenschaften oft besonders tolle Geschäftsideen. Es ist auch immer wieder faszinierend zu sehen, was für spannende, kreative Ansätze beispielsweise Linguisten und Historiker verfolgen. Der reine BWL-Student ist nicht unbedingt der ideale Prototyp eines kreativen Gründers. Die deutsche Betriebswirtschaftslehre ist ein Fach in dem man traditionell sehr viel auswendig lernt. Diese Form des Wissenserwerbs ist für eine Gründung keine Pflichtvoraussetzung. Unser Ziel ist es, junge Leute mit Potential abzuholen. Wir bringen Menschen zusammen, die das Thema Startup leben und lieben. Das Netzwerk entsteht im Rahmen von Founder-Talks, Startup Lounges und anderen Netzwerkveranstaltungen, in denen die Startup-Kultur gelebt wird.

 

 

Jan, hast Du selbst schon mal gegründet?

Jan: Ein eigenes Startup im klassischen Sinne habe ich bislang noch nicht gegründet. Ich bin nach Mannheim gekommen, um hier zu promovieren. Das MCEI arbeitet jedoch wie ein Startup und hat mit neuer, innovativer Methodik auch disruptiven Charakter. Als ich in Mannheim ankam, unterschied sich die Lehre hier noch stark von der, die ich aus meinem Studium in Maastricht kannte. Hier dominierte der Frontalunterricht, dort wurde in Teams gelernt. Am MCEI thematisieren wir Unternehmensgründungen daher bewusst lösungsorientiert und mit hohem Praxisbezug. Dadurch wecken wir die Motivation der Studierenden und bringen neue Energie in den Hochschulkontext. Unser Ziel ist die kreative und kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Startup. Nicht jeder muss nach dem Studium die eigene Firma gegründet haben.

 Steffen: Die praktischen Kurse machen irre viel Spaß. Am MCEI habe ich sogar Kurse besucht, deren Credits ich mir nicht anrechnen lassen konnte, einfach nur, weil die Inhalte so interessant waren. Der interdisziplinäre Charakter eröffnet einem als Student ganz neue Horizonte. Verschiedene Denkweisen werden am MCEI zusammengeführt und der Output ist super. Am Anfang ist der Austausch eine echte Herausforderung. Wir BWL-Studenten haben gelernt straight forward zu denken. Die verschiedenen Herangehensweisen führen in der Kombination aber eindeutig zu besseren Resultaten. Am MCEI lernt man Teamwork, man lernt Hypothesen nicht bloß aufzustellen, sondern sie auch zu verifizieren. Viel was ich hier gelernt habe, ist mir dann in der realen Welt, also während und nach der Gründung von Freachly begegnet. Man denkt dann oft ans Studium zurück und stellt fest, dass sich der Professor und die Wissenschafler doch etwas dabei gedacht haben.

 Marko: Das kann ich nur bestätigen. Am MCEI habe ich die Kurse Advanced Entrepreneurship und Entrepreneural Spirit belegt. Besonders großer Dank geht  an Jan und Nora Zybura für die Beratung und Unterstützung in und außerhalb der Case Studies, die uns als Wirtschaftsinformatiker enorm weitergeholfen haben. Sehen und verstehen was andere Gründer für Probleme hatten, das erworbene Wissen auf das eigene Startup beziehen und lernen, Lösungsvorschläge anzunehmen. Das ist viel wert! Daneben hat uns auch das Institut für Entreprise Systems (InES) der Universität Mannheim intensiv gecoacht. Neben der Unterstützung bei der Entwicklung unserer Softwaretechnologie hat uns Dr. Christian Bartelt vom InES sehr erfolgreich in Kontakt mit Kunden, Geschäftspartnern und Investoren gebracht.

Genug der Theorie, erzählt doch mal von euren Startups. Was macht ihr genau?

Marko: Gegründet haben wir im Mai 2017. Unsere Firma ist die ciconia Software UG. Wir verfolgen parallel zwei Ansätze. Zum einen entwickeln wir als Agentur Apps für andere Startups aus der Region, zum anderen haben wir aber auch ein eigenes Produkt namens Orderpoints entwickelt. Wir digitalisieren regionale Anbieter und geben dem Endkunden die Möglichkeit eine Bestellung auf ihre Produkte zu tätigen. Wir ebnen damit unter anderem kleineren Produzenten den Weg ins digitale Zeitalter. Ein Biobauer, Imker oder Winzer kann seine Produkte bei uns einstellen. Unsere Kunden bestellen die Ware bequem vom Smartphone aus. Das Besondere ist, dass wir auch in Sachen Logistik neue Wege beschreiten. Wir haben einen Matching-Algorithmus entwickelt, der es uns ermöglicht, auf Basis freier Transportkapazitäten Bewegungsprofile zu analysieren. Angenommen ich bestelle Honig beim Imker und zufällig ist gerade ein Nachbar von mir beim Winzer nebenan, dann informiert die App den Nachbarn darüber, dass ich mich freuen würde, wenn er mir den Honig gegen eine kleine Servicepauschale mitbringen würde. Die App ist in verschiedensten Kontexten nutzbar und lässt sich nach Belieben branden. Zurzeit führen wir verschiedene Pilotprojekte unter anderem mit einem Hotel hier in Mannheim durch. Gäste können über die Anwendung alle Produkte und Dienstleistungen des Hotels bestellen.

 Steffen: Der Go-Live von Freachly war Anfang Juni 2017, gerade mal fünf Monate nach der Geschäftsidee und Teamfindung – parallel zur Uni! Freachly ist eine Influencer-Marketing-App. Wir bringen lokale Influencer mit lokalen Unternehmen zusammen. Man kann sich das so vorstellen: Ein Instagram-User mit ein paar tausend Followern öffnet die App und registriert sich bei uns. Ihm erscheint die sogenannte Deal-Map. Darin bieten Restaurants, Geschäfte und Hotels ihm verschiedene Rabatte oder kostenlose Angebote an, die er nutzen kann, wenn er sich mit einem entsprechenden Post dafür bedankt. Die Deals variieren je nach Reichweite des Influencers. Das fängt bei einem Frühstücksgutschein im Wert von 20€ an und geht hin bis hin zu einem Wochenende im Premium-Hotel. Die Hashtags kann der Anbieter vordefinieren. Der Fokus von Freachly liegt voll auf Instagram. Freachly ist Invite-only um die Qualität der Influencer sicherzustellen. Sog. Hyper-lokale Influencer mit 1000 Followern können Freachly als Begleiter im Alltag verwenden, den Zugang zu den Top-Deals erhalten hingegen User mit 250.000 Followern und mehr. Wir testen aber gerade auch den Markt der Nano-Influencer. Das sind User, die im Schnitt 250 Follower haben. Deren Beiträge werden von Followern als besonders authentisch wahrgenommen und sind aus unserer Sicht gerade für Gastronomen hochinteressant.

 

 

Wie seid ihr auf die Idee zu Freachly gekommen?

Steffen: Influencer Marketing hat sich in den letzten Jahren zu einem Milliardengeschäft entwickelt. Das Problem ist, dass es gerade für kleinere, regionale Unternehmen äußerst schwierig ist hier aktiv zu werden. Was bringt es mir, wenn ich ein kleines Café habe und plötzlich 20.000 Menschen in Australien von meiner Existenz erfahren? Das Ganze macht nur Sinn, wenn ich den passenden Influencer für meinen Betrieb finde. Vollständig automatisiert übernehmen wir die gesamte Abwicklung. Das fängt bei der der Kommunikation an, geht weiter über die angemessene Dealgestaltung und endet bei der Auswertung der erzielten Reichweite.

 

 

Wie geht es weiter am MCEI? Welche Ziele habt ihr für die Zukunft?

Jan: Wir, das ist das MCEI-Team bestehend aus Nora Zybura, Elisabeth Gourlin, Thomas Hipp, Kai Bruchmüller und mir, arbeiten ständig weiter am Ausbau unseres Netzwerks. Freachly und Orderpoints sind Idealtypen von Neugründungen mit Skalierbarkeit. Unser Ziel ist es, die Verzahnung des Startup-Ecoystems weiter voranzutreiben. Die Möglichkeiten in Mannheim sind so gesehen unendlich. High-Tech, Med-Tech, Gründen mit Migrationshintergrund, Female Entrepreneurship, Gründen in der Textilwirtschaft– alles kein Problem, da der Support sehr vielseitig ist. Mit MCEI und dem Lehrstuhl von Prof. Dr. Woywode wollen wir dazu beitragen, dass die Universität als Institution neu verstanden wird. Wissen soll nicht bloß aus der Universität in die Gesellschaft hinausgetragen werden, sondern auch wieder zurück. Universitäten schaffen Werte und sorgen für Beschäftigung. Damit dieser Austausch klappt, brauchen wir Berührungspunkte am Puls der Zeit. Mit MCEI bieten wir eine Plattform und Formate, die genau das leisten. Während meiner Zeit in Berkeley und Stanford habe ich erleben dürfen, wie Networking in Kalifornien funktioniert. Die dort üblichen, offenen Diskussionen, die ehrliche Feedback-Kultur und das Üben von konstruktiver Kritik haben mich fasziniert. Dort hört man trotz viel Konkurrenz einander zu und hilft sich gegenseitig. Das ist genau der Spirit, den wir auch im MCEI leben. Bei uns lernen Studierende lösungsorientiertes Denken. Sie sammeln wertvolle, eigene Erfahrungen und investieren die Energie eines Firmengründers in ihre Projekte und/ oder Bachelor- und Masterarbeiten. An der Universität Mannheim ist der Entschluss ein eigenes Startup zu gründen also kein Grund das Studium abzubrechen sondern in jedem Fall eine sehr lehrreiche und lohnenswerte Erfahrung mit Credits obendrein.


Interview: Andreas Stanita / LA.MAG

Fotos: Sebastian Weindel

www.mcei.de

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