VRmagic

Vom Startup zum Weltmarktführer – mit Virtual-Reality-Simulatoren

Piloten lernen mit Flugsimulatoren gefahrlos das Fliegen, und Augenchirurgen können an Simulatoren Operationen trainieren. Das 2001 gegründete Mannheimer Unternehmen VRmagic ist Pionier auf dem Gebiet von Virtual-Reality-Simulatoren für Augenärzte. Im Interview erzählt Mitgründer und Vorstand Dr. Markus Schill vom Aufstieg zum Weltmarktführer und warum Mannheim der perfekte Standort für das dynamisch wachsende Unternehmen ist.

VRmagic wurde 2001 von ein Team aus Medizinern, Physikern und Informatikern gegründet – zu einer Zeit, als Startup-Kultur in Mannheim noch kein zentrales Thema war. Wie waren damals die Bedingungen für Gründer?

Markus Schill: Mannheim war schon damals ein guter Ort für Gründer. Es war ein Klima, in dem viel geschaffen wurde, denn die Universität war gerade dabei, den Studiengang Technische Informatik aufzubauen. Ich war Leiter einer Arbeitsgruppe, die sich mit biomechanischer Simulation befasste. Lehrstuhlinhaber Prof. Männer schlug vor, eine biomechanische Echtzeit-Simulation für das menschliche Auge zu entwickeln. Die Augenärzte reagierten sehr positiv auf „Eyesi“, unseren ersten Trainingssimulator für Augenchirurgie. Heute ist unsere Technologie ein weltweit anerkannter Standard in der Ausbildung von Augenärzten.

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Team-Meeting mit VRmagic-Gründer Dr. Markus Schill (rechts).

 

Wie wurde aus der Idee ein Unternehmen?

1998 haben wir beim Land einen Antrag gestellt im Rahmen des Existenzgründungsprogramms „Junge Innovatoren“. Daraufhin sind wir mit drei halben Stellen gefördert worden, was eine gewaltige Hilfe war. Für uns war die Firmengründung ein eher lästiges Thema, aber die Beratung hat geholfen, das Ziel und die notwendigen Schritte zu definieren.

Was war der erste wichtige Schritt zur Existenzgründung?

Der Gewinn des von MLP-Gründer Manfred Lautenschläger initiierten Forschungs- und Innovationspreises der Stiftung Rhein-Neckar-Dreieck. Mit dem Preisgeld in Höhe von 25.000 Euro haben wir uns als Erstes eine Kaffeemaschine gekauft – und dann 2001 die GmbH gegründet.

Wie kommt man in dieser Phase zu Geld für die Entwicklung?

Wir waren oft kurz davor aufzugeben. Seitdem weiß ich, dass man extrem fest an seine Idee glauben muss. Das Kapital kam 2005 über ein privates regionales Netzwerk: einer der SAP-Gründer übernahm mit Leonardo Venture 25 Prozent der Anteile an unserem Startup. Bisher war das unsere einzige Investitionsrunde, denn genau als das Geld aufgebraucht war, kamen die ersten Returns aus dem laufenden Geschäft.

War der wirtschaftliche Erfolg des Geschäftsmodells von Anfang an abzusehen?

Das Konzept, mit Virtual Reality Medizinausbildung zu betreiben, gab es zuvor nicht – damit haben wir einen Paradigmenwechsel ausgelöst. Wirtschaftlich ist der Knoten geplatzt, als die Kliniken irgendwann bereit waren, genau das für unsere Simulatoren zu zahlen, was unseren Vorstellungen entsprach.

Wie fühlt es sich an, die Pionierrolle einzunehmen?

Ich wurde kürzlich auf einer Tagung als „Dinosaurier der Simulation“ vorgestellt. Das fand ich lustig –  aber Pionier zu sein, ist mir dann doch lieber. Wir haben einen ganz neuen Markt geschaffen und inzwischen ist Konkurrenz entstanden. Aber wir sind entspannt, denn wir treiben die Entwicklung voran.

Heute haben Startups aus der Medizintechnologie mit dem Mannheimer Startup-Zentrum Cubex 41 eine ideale Startrampe. Hätte das die Gründungsphase von VRmagic erleichtert?

Mit Sicherheit, denn ich weiß, dass man als Startup von diesen Netzwerken profitiert. Damals gab es in Mannheim aber bereits ein Medizintechnik-Kompetenzzentrum, eine Art Vorläufer-Institution des Cubex. Und der damalige Leiter und Geschäftsführer Wolfgang Möller ist heute unser Aufsichtsrat.

Warum ist VRmagic Mannheim treu geblieben?

Wir haben einen sehr guten Kontakt zur Wirtschaftsförderung – die macht hier einen richtig guten Job! Als wir an der Universität aus allen Nähten platzten, hat man uns zuerst gute Räume in der Augustanlage vermittelt. Als wir weiter wuchsen, stellte die Stadt den Kontakt zur Konversionsfläche Turley her, wo wir seit 2014 eine wunderschöne Location für unser Unternehmen gefunden haben.

Wie wichtig ist Arbeitsplatz-Design?

Eine kreative Umgebung ist sehr wichtig. Hier in der ehemaligen Turley-Kaserne haben wir transparent und kooperativ designte Büros, Labore, Werkstätten und Thinktank-Räume. Teamarbeit ist essentiell, aber wir bieten auch Rückzugsorte zur Konzentration und privaten Kommunikation. Es gibt aktuell zwei Trends: interessant gestaltete Arbeitsumfelder und andererseits das Arbeiten im Homeoffice. Wir versuchen, eine Balance zu bieten. Denn Arbeit muss Spaß machen.

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Ist es schwer, Fachkräfte zu finden?

Wir haben lange von der engen Beziehung zur Hochschule profitiert, aus Diplom- und Doktorarbeiten sind viele wertvolle Kontakte entstanden. Inzwischen ist die Technische Informatik leider von Mannheim nach Heidelberg umgezogen, das hat es etwas schwerer gemacht. Aber natürlich pflegen wir unsere Netzwerke und achten auf Präsenz.

Wie attraktiv ist der Standort Mannheim für die Mitarbeiter?

Wir haben gerade jemanden verloren, der unbedingt nach Berlin gehen wollte, weil er die Stadt so toll findet – da war es schwer zu konkurrieren. Mannheim hat aber natürlich viel zu bieten und die Internetseite Startup Mannheim hilft dabei, den Spirit Mannheims zu veranschaulichen.

Welchen Bezug haben Sie selbst zu Mannheim?

Ich bin in Frankenthal groß geworden, habe bei der BASF in Ludwigshafen eine Ausbildung gemacht, in Heidelberg studiert und in Mannheim promoviert. Heute arbeite ich in Mannheim und lebe in Heidelberg. Dieser kleine Radius ist eigentlich nicht meine Art, weil ich gerne international unterwegs bin. Aber in der Physik funktionieren gute Systeme nach dem Prinzip der Energieminimierung und das urbane System Mannheim ist sehr bequem: die Wege sind kurz, die Infrastruktur ist gut, die Verkehrsanbindung ist super.

Wie kann die Startup-City Mannheim noch besser werden?

Seed-Finanzierung ist der Knackpunkt. Dafür müssen Kontakte zentral gepflegt, hergestellt und moderiert werden – denn Kontakte zu wohlhabenden Persönlichkeiten entstehen nicht von selbst. Ich kann mir gut vorstellen, durch Active Mentoring junge Gründer zu unterstützen. Ich helfe gerne mit Erfahrung – aber dazu muss ich von einer Idee überzeugt sein.

Der beste Rat für Gründer?

Sprecht frühzeitig mit möglichst vielen potenziellen Anwendern Eures Produkts! Geht auf Messen! Da bekommt man viele Impulse und nützliches Feedback. So haben wir gemerkt, dass unsere Kameratechnologie das Zeug zu einem eigenen Geschäftsfeld hat.

Wo steht VRmagic in fünf Jahren?

Der Einsatz von VR-Technologie ist in der Medizin inzwischen etabliert, aber das Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft. Die nächste große Welle, die wir reiten wollen, wird die medizinische Ausbildung revolutionieren. Im Austausch mit medizinischen Fachgesellschaften entwickeln wir messbare Prüfungsstandard, um standardisierte Performance-Tests für Augenärzte anzubieten. Gleichzeitig entlasten wir Professoren, indem wir Trainingscurricula am Simulator anbieten, die im Klinikalltag nicht möglich wären. Mit unserem neuesten Produktfeature stellen wir zusätzlich eine cloudbasierte Softwarelösung für Faculty Free-Learning zur Verfügung – damit können Lehrende das selbstständige Training der Studenten an unseren Simulatoren verwalten und evaluieren. So werden wir die medizinische Ausbildung nachhaltig verändern.

Wie schafft man dynamisches Wachstum?

Wir haben aktuell eine Größe, die unseren rund 70 Angestellten sichere Jobs beschert. Die Herausforderung ist es nun, durch einen strukturellen Wandel zu einer neuen, noch relevanteren Größe zu wachsen. Ich kann mir eine weitere Finanzierungsrunde vorstellen, die eine Erweiterung des Produktportfolios und der Geschäftsmodelle ermöglicht.

 


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