Von der Stadt, die Musik versteht

Mannheim ist UNESCO City of Music – Rainer Kern will sie mit der Welt vernetzen

Seit 2014 ist Mannheim UNESCO City of Music. Die Bewerbung wurde von Rainer Kern organisiert, der als Erfinder und Macher des Enjoy Jazz-Festivals auch Erfahrung als Gründer besitzt. Zwischen zwei internationalen Konferenzen, wo er als Keynote-Sprecher die Musik- und Startup-Stadt Mannheim vorstellte und am Vorabend eines Konzerts des Jazz-Saxofonisten Joshua Redman, haben wir Rainer im Mannheimer Café Prag zum Interview getroffen.

 

Rainer, Du kommst gerade von einer Reise nach Südkorea zurück, wo Du bei der weltweit wichtigsten Kulturkonferenz – dem UCLG Culture Summit – die UNESCO City of Music Mannheim vorgestellt hast. Wie waren die Reaktionen?

Absolut positiv! In Südkorea und weltweit will man lernen, wie man am Beispiel von Mannheim das Thema Musik zu einem Wirtschaftsfaktor machen kann. Denn genau darum geht es ja – neben anderen Zielen – auch bei uns: mit dem Titel UNESCO City of Music im Bereich der Musikwirtschaft neue Arbeitsplätze in Mannheim zu schaffen. Es geht um die Ansiedlung von Unternehmen, um die Schaffung von Aufträgen – und um die Vermittlung von Kontakten. Wenn also jemand auf uns zukommt und konkrete internationale Verbindungen im Musik- oder Kulturbereich sucht, werden wir versuchen zu helfen.

 

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Die UNESCO hat Mannheim bereits 2014 in ihr Creative Cities Network aufgenommen. Was hat der Titel „City of Music“ für die Stadt bewirkt?

Das lässt sich schlecht in Zahlen ausdrücken, denn es ist ja nicht so, dass man durch den Titel finanzielle Mittel erhält. Im Gegenteil: man muss sich sehr engagieren, um den Titel sichtbar zu machen und man geht als Stadt die ideelle und moralische Verpflichtung ein, sich im weltweiten Netzwerk der Musikstädte aktiv zu beteiligen. Der Titel selbst hat also nur symbolischen Wert – und als Stadt muss man was draus machen. Wie bei allen Netzwerken ist es aber eben auch die Pflicht eines jeden Einzelnen, sich proaktiv einzubringen. Nach innen wie nach außen. Dann kann etwas entstehen. Außerdem ist das Netzwerk gerade in einer Umbruchphase und viele Dinge werden seit unserer Aufnahme innerhalb der UNESCO mit den Mitgliedern engagiert und zum Teil kontrovers diskutiert. Mannheim vertritt dabei derzeit als Sprecher zusammen mit der belgischen Stadt Ghent das Musiknetzwerk in der Steuerungsgruppe des gesamten UNESCO-Netzwerks. Die Positionen weltweit abzustimmen, ist natürlich sehr aufwändig und zeitintensiv.

Als Repräsentant der Musikstadt Mannheim bist Du also häufig im Ausland unterwegs. Wie wird Mannheim denn heute von außen wahrgenommen?

Ich vertrete nun schon seit über 10 Jahren die Stadt Mannheim in der Welt. Im Vergleich zu früher stelle ich heute fest, dass sich der Blick auf die Stadt total verändert hat. In letzter Zeit muss ich – egal wo ich bin – nicht mehr erklären, wo Mannheim liegt und für was es steht. Mannheim wird zunehmend als Musikstadt wahrgenommen, teilweise auch schon als Gründerstadt. Bei meinen Vorträgen über Mannheim versuche ich deshalb auch immer, beide Themen miteinander zu verknüpfen.

 

Was sind die Schnittstellen zwischen den Themen Musik und Existenzgründung?

Mit dem Gründungszentrum Musikpark, der Popakademie und dem heutigen Clustermanagement Musik hat Mannheim ja schon seit langer Zeit eine einzigartige Struktur zu bieten für Gründer im Bereich Musikwirtschaft – unter anderem für Labels oder Agenturen, aber natürlich auch für Musiker oder Studios. Im koreanischen Jeju, wo beim UCLG Culture Summit Kulturmacher aus aller Welt, Unternehmer, Wissenschaftler oder auch Vertreter von Stiftungen und allen großen Institutionen, wie UN und UNESCO teilgenommen haben, habe ich bei der Session „Local Cultural Industries and Sustainability“ einen Mix aus Themen gewählt, die die Schnittstellen beschreiben: zwischen Musik, Kreativwirtschaft und den Themen Startup/Gründung und nachhaltiger Stadtentwicklung.

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Immer wieder gern in Mannheim bei Enjoy Jazz zu Gast: der kalifornische Jazz-Saxofonist Joshua Redman.

 

Du hast selbst Deine Erfahrungen als Gründer gemacht. Erzähl doch mal!

Ursprünglich habe in Heidelberg Chemie studiert und dort auch mein Diplom gemacht, aber meine andere große Leidenschaft war immer die Musik. Während des Studiums bin ich immer nach Frankfurt zu Konzerten gefahren und hatte das Glück, dass mein älterer Bruder mich zu Jazz-Konzerten mitnahm. Die Begegnung mit Musikern wie Don Cherry oder dem norwegischen Bassisten Arild Andersen waren Schlüsselerlebnisse für mich. Die Kraft und die Schönheit dieser Musik hat mich mit voller Wucht getroffen und mein Leben verändert. Irgendwann habe ich mich dann entschieden, nur noch Kultur zu machen, auch wenn mich das Thema Chemie heute immer noch interessiert.

Wie kam es zur Idee, das Enjoy Jazz-Festival zu gründen?

Die Gründung dieses Festivals war eine der besten Ideen meines Lebens. Während meiner Assistenzzeit an der Uni Heidelberg hatte ich im Heidelberger Karlstorbahnhof bereits einige Jazzkonzerte organisiert, aber das Festival-Format war neu und erschien vielen als eine ziemlich abseitige Idee. Ich war mir aber sicher, dass es ein Erfolg werden würde und ich habe dann 1999 das Festival gegründet und ein paar Jahre später mit zwei Partnern die gleichnamige GmbH.

Hat Euch damals jemand bei der Gründung beraten?

Wir wurden von einem Anwalt beraten, denn eine Existenzgründungsberatung im heutigen Sinne gab es damals nicht. Da man vor allem juristisch bei der Gründung Fehler vermeiden sollte, finde ich es großartig, dass heute in den acht Mannheimer Gründungszentren sehr kompetente Beratung im Angebot ist. „Trial and Error“ ist zwar wichtig, aber es macht keinen Sinn Fehler zu begehen, die vermeidbar sind.

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Joshua Redman – live in der Mannheimer Alten Feuerwache.

 

Was war der größte Fehler, den Du selbst gemacht hast?

Wir haben leider immer noch eine Kultur in Deutschland, die Fehler als negativ betrachtet. Ich sehe das anders und für mich gilt der Spruch: man kann jeden Fehler machen – nur halt nicht zwei Mal den gleichen – haha. Zu Beginn meiner Tätigkeit als Programmmacher beging ich den Fehler, manche Programme zu sehr auf mich zu beziehen. Da stellt man dann aber schnell fest, dass man Programme nicht nur für sich, sondern vor allem für das Publikum machen sollte – das man auch niemals unterschätzen darf. Sagen wir, du bist ein Schokoriegelproduzent und stehst auf Riegel mit Knoblauchgeschmack, dann heißt da eben noch lange nicht, dass das allen so geht. Und es wäre vermutlich ein Fehler, diese Riegel zu produzieren, außer du trittst einen Trend los damit. Diese Balance ist eben die Kunst. Die Aufgabe eines guten Kurators ist es, das Publikum, das die eigene Leidenschaft teilt, zu sehen und zu verstehen und sie dennoch zu fordern und ihnen auch was zuzumuten. Letztendlich ist das Neue ja das Interessante.

Was rätst Du jungen Gründern?

Seid mutig und versucht Dinge immer aus verschiedenen Perspektiven zu sehen! Ich habe beispielweise von meinem Chemiestudium gelernt, dass man Probleme immer geduldig von unterschiedlichen Seiten betrachten muss, um den richtigen Lösungsweg zu finden.

Wie wichtig ist das Thema Work-Life-Balance?

Die richtige Balance zu finden ist die größte Kunst! Manchmal gelingt mir das gut – und manchmal weniger. Ich bin in einige Projekte eingebunden, die oberflächlich betrachtet sehr unterschiedlich sind: neben Enjoy Jazz, UNESCO City of Music und unter anderem auch in das Global Parliament of Mayors, einem von Mannheim mitgegründeten weltweiten Netzwerk von Bürgermeistern, um Herausforderungen der Zukunft nachhaltig zu begegnen. All diese Projekte sind zum großen Teil Netzwerkarbeit und alle diese Themen sind inhaltlich miteinander verzahnt, denn manchmal muss man an vielen Rädern gleichzeitig drehen, um ans Ziel zu kommen.

Neigst Du persönlich dazu, zu viel zu machen?

Das glaube ich nicht – ich versuche einfach, mein Potenzial auszuschöpfen.

Was machst Du, wenn Du mal nicht netzwerkst?

Dann höre ich meistens Musik, was ja aber auch Teil meiner Arbeit ist. Ich höre tatsächlich extrem viel Musik. Nicht nur Jazz, sondern so ziemlich alles außer deutschen Schlager. Und ich lese jeden Tag – Belletristik ebenso wie Sachbücher. Ansonsten liebe ich es, meine Zeit mit Freunden zu verbringen.

Du bist in Mannheim geboren, wohnst aber in Heidelberg – und pendelst zwischen beiden Städten. Siehst Du die Städte aus kultureller Sicht als eine Einheit?

Von ihrer Geschichte und Struktur her sind die beiden Städte natürlich sehr unterschiedlich. Aber genau diese jeweiligen Vorzüge genießen zu können, empfinde ich als großes Privileg. In Heidelberg habe ich studiert und in Mannheim gewohnt. Dann bin ich nach Heidelberg gezogen und arbeite in Mannheim. Und insgesamt sehe ich die Städte aus der größeren Perspektive der Kulturregion Rhein-Neckar – und so erleben ja auch junge Gründer Mannheim: als Zentrum einer sehr spannenden und vielseitigen Region.

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Ist Mannheim aus Deiner Sicht also ein inspirierender Ort für Gründer?

Ich komme ja viel herum, aber ich persönlich kann mir keinen Ort vorstellen, wo ich lieber arbeiten und leben würde – außer vielleicht in der Provence! Nein im Ernst: wir können hier noch sehr viel Positives anschieben, aber es gibt auch schon sehr viel, was besser funktioniert als in klassischen Gründerstädten wie etwa Berlin.

Was sind die nächsten Ziele für Mannheim als UNESCO City of Music?

Ich bin es ja gewöhnt mit kleinen Budgets zu arbeiten, aber finanziell sind wir leider so mager ausgestattet, dass es sehr schwer ist, den Titel in der Stadt und überregional sichtbar zu machen. Ich bin derzeit eine One Man Show, während andere Städte aus dem Creative City Netzwerk wie beispielsweise das polnische Kattowitz über einen Etat von 1,5 Millionen jährlich und ein vierköpfiges Team verfügen. Also werde ich als Mitglied des Steering Commitees des City of Music-Netzwerks umso intensiver netzwerken, um Mannheim bekannter zu machen. Und ich hoffe, dass es uns gelingt, bald eine Fundraising-Stelle zu schaffen, um das Thema weiter voranzutreiben.

Jenseits des UNESCO-Projektes: sicher gibt es schon wieder eine ganz neue Projektidee, die Du demnächst verwirklichen willst?

Ich habe da tatsächlich einige spannende Sachen auf meiner Liste, aber ich werde sie hier nicht verraten – da bin ich doch ein wenig abergläubisch.

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Wir verstehen Musik

www.enjoyjazz.de

Interview: Ralf Laubscher / LA.MAG

Fotos: Daniel Lukac

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