VERSIONEYE

Mannheim – San Francisco – Berlin – Mannheim

Robert Reiz betreibt im Coworking Space bauteil.b im MAFINEX seine Firma VersionEye GmbH. Wer heute Software entwickelt, schreibt nicht alles selbst. Man benutzt wiederverwendbare Programmierbausteine, sogenannte Open Source-Komponenten. Diese sind kostenlos, aber sie unterliegen Lizenzen. Für große Unternehmen wie SAP sind Lizenzen, die als Nutzungsbedingung die Veröffentlichung des eigenen Source Codes verlangen, ein No-Go. Sie benötigen Software, die sicherstellt, dass nur Whitelist-Komponenten verbaut werden – und der Mannheimer Robert Reiz hat aus diesem Umstand das Geschäftsmodell seines Unternehmens VersionEye entwickelt. 

 

Moin Robert!, zurück aus München?

Jo, war gestern dort im WERK 1, dem größten Coworking Space der Stadt. Das war früher mal eine Kartoffelfabrik, die jetzt umgebaut wurde. Man sieht allerdings noch gut, dass es eine Fabrik war – ist alles sehr industriell und ein bisschen abgewrackt. Ein altes Betongebäude, fast so groß wie das MAFINEX. Was ich dort richtig gut finde ist, dass es große Küchen mit großen Tischen für alle gibt. Dort kann man gut zusammenkommen und sich austauschen.

 

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Gründer und Softwareentwickler Robert Reiz

 

Und gut erreichbar war es auch?

Ja, es liegt in der Nähe des Ostbahnhofs, gut erreichbar mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln. Unten gibt es wie im Betahaus in Berlin eine Cafeteria. Dort trifft man sich und geht in den Coworking-Space. Außerdem gibt es kleine Büros für Startups und sogar einen Inkubator für Versicherungs-Startups. Auf der anderen Seite des Gebäudes ist ein Nachtclub – man ist also rundum versorgt.

Da können wir uns also noch etwas abgucken?

Ja, Mannheim ist schon eine gute Stadt für Gründer, aber man muss das Startup-Ecosystem weiter ausbauen. Es gibt zum Beispiel keine Inkubatoren oder Acceleratoren hier. Jetzt macht die MVV einen Inkubator für Energie-Startups in Berlin auf, da frage ich mich doch: Warum nicht in Mannheim? Berlin ist ja nicht gerade als DER Standort für Energiewirtschaft bekannt.

Was verstehst du unter Inkubator?

Eine oder mehrere Firmen setzen einen Fond auf und schreiben ein Programm aus zu einem bestimmten Thema, wie Energie, Robotic oder Bio-Chemie. Startups, deren Produkt zum Thema passt, können sich dann bewerben und wenn sie akzeptiert werden, bekommen sie für ein paar Monate Geld, kostenlose Büroräume und einen Mentor zur Verfügung gestellt. In der Regel laufen solche Programme sechs Monate lang mit fünf bis zehn Startups. Nach der “Inkubationszeit” gibt es entweder eine Anschlussfinanzierung oder das Startup muss auf eigene Kosten weitermachen. Ein Inkubator ist immer themenbezogen und privatwirtschaftlich initiiert.

Warum tun Firmen das?

Große Firmen haben das Problem, dass sie nicht innovativ sind. Menschen die 30 Jahre und mehr in einem großen Konzern arbeiten, sind so sehr in gefestigten Strukturen gefangen, dass sie die Fähigkeit verlieren, neue innovative Ideen zu entwickeln. Da geht es dann nur noch um das operative Geschäft. Deshalb holen sich Firmen die Innovation über Startups rein und setzen dazu Inkubator-Programme auf. Im besten Fall wird das Startup in den Konzern übernommen und integriert.

Und Mannheim?

Könnte das eigentlich auch haben – es gibt hier viel mehr große erfolgreiche Firmen als in Berlin. Wir haben hier in der Region unter anderem die ABB, BASF, Roche, John Deere, SAP und die Software AG! Und wir haben in der Region gleich mehrere Universitäten und technische Hochschulen und damit jede Menge Brainpower! Warum haben wir hier also keine Inkubatoren, die Innovationen im Energie, Chemie und Software Sektor fördern?

 

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Aber wie läuft das im WERK 1?

Mehrere Versicherungen aus Deutschland finanzieren im WERK 1 einen Inkubator zum Thema “InsurTech”. Startups aus ganz Deutschland können sich bewerben und werden im Erfolgsfall dann für sechs Monate unterstützt. Sie erhalten kostenlose Büroräume, Coaching von erfahrenen Experten und etwas Geld. Das alles hat einen Wert von ca. 50.000 Euro. Das Ziel ist es, in den sechs Monaten ein marktfähiges Produkt zu entwickeln.

Du selbst bist auch Gründer, wie lief das bei dir?

2005 habe ich mein Studium hier in Mannheim abgeschlossen und war dann ein Jahr lang fest angestellt als Software-Entwickler in einem kleinen Startup. Dann habe ich in die Freiberuflichkeit gewechselt, weil das finanziell lukrativer war. 2008 habe ich dann die PLOIN GmbH gegründet.

 

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PLOIN? Was heißt PLOIN?

Nichts … ist ein Kunstwort, hab‘ ich mir ausgedacht. Die Firma habe ich dann 2010 an die Reutax AG verkauft. Die haben dann einen Spin Off in San Francisco draus gemacht. Ich bin mitgegangen und hatte eine leitende Position inne. Ich habe ein Jahr im Silicon Valley gearbeitet und mitgeholfen, das Startup dort aufzubauen. Weil ich aber irgendwann nicht mehr viel Potenzial in dem Projekt gesehen habe, habe ich gekündigt. Was wiederum hieß, dass ich die USA verlassen musste, weil ich ein Investorenvisum hatte, das dann nicht mehr galt.

Mist!

Naja, da war es schon cool, aber auch sehr teuer. Und während die Touristen dort immer nur das gute sehen, sieht man bei längerem Aufenthalt dort auch die vielen, vielen Obdachlosen und viele andere Probleme.

Und dann erst mal zurück nach Hause?

Ja, zurück nach Mannheim, was mir nach einem Jahr San Francisco ein bisschen klein vorkam. In San Francisco hatte ich aber jemanden kennen gelernt, der aus Berlin kam, den ich dann dort besucht habe. Erst war ich nur eine Woche da, habe dort festgestellt, dass da so einiges mit Startups ging und blieb von 2012 bis 2014 in Berlin und habe dort mit meiner jetzigen Firma, der VersionEye GmbH, losgelegt. Ich habe viele Leute von namhaften Startups und VCs kennen gelernt und habe auch selbst ein Investment bekommen. Allerdings war ich in Berlin irgendwie nicht am richtigen Ort. Dort ist einfach alles sehr Business to Customer-getrieben. Wenn ein Startup dort Geld bekommt, dann investiert es erst einmal in Marketing und PR, man will natürlich erst mal berühmt werden… Die meisten haben zunächst sogar gar kein Interesse, Geld zu verdienen, sondern wollen möglichst viele User haben, um dann von Facebook gekauft zu werden. Aka Businessplan Hoffnung.

Was wolltest du anders machen?

Ich bin aus der Reihe getanzt, weil ich B2B (Business to Business) gemacht habe und langsamer skaliert habe als die B2C-Shops um mich herum. Das war für Investoren in Berlin nicht so attraktiv. Die waren mehr an „user growth“ interessiert als an zahlenden Kunden. Und als dann das Geld vom ersten Investment aufgebraucht war und ich in Berlin auch keine Anschlussfinanzierung bekam, hatte ich dann eh genug von der ganzen Szene dort. Zu viel Hype und heiße Luft. Alle gehen die ganze Zeit auf Startup-Events und lernen ewig viele Leute kennen, sammeln Kontakte auf Xing und LinkedIn. Aber am Ende bringt dich das alles nicht weiter. Zurück in Mannheim habe ich dann aufgehört, mit Investoren zu reden. Ich habe einfach alle Anfragen konsequent ignoriert und auf Events war ich auch nicht mehr. Stattdessen habe ich mich voll auf mein Produkt konzentriert. Das hat auch mehr Spaß gemacht als irgendwelchen BWLern meinen USP (Unique Selling Proposition) zu erklären.

 

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Aber dann kam irgendwann doch der Durchbruch?

Als ich nach Mannheim zurück kam, war ich ziemlich am Ende. Kurz vor der Insolvenz! Aber hier habe ich zwei Angel-Investoren aus meinem Bekanntenkreis gefunden die durchaus Potential in dem B2B-Produkt sahen und mich die ersten paar Monate finanziell über Wasser gehalten haben. Bis dann die erste Anfrage von einer großen Firma kam, von der XING AG aus Hamburg. Das war mein erster großer Enterprise-Kunde. Kurz darauf kam dann ein großer Software Konzern mit drei Buchstaben und aus Waldorf als Kunde dazu. Und obwohl ich keine Millionen User habe, lief das Projekt und trug sich finanziell. Zurzeit hat VersionEye über 42.000 angemeldete User und es kommen jeden Monat 2000 neue dazu. Damit ist VersionEye jetzt sogar für Investoren aus Berlin interessant aber jetzt will ich deren Geld nicht mehr. Ich bin unabhängig!

Und Mannheim passt für dich?

Ich komme von hier, habe hier studiert, meine Familie und meine Freunde sind hier. Wenn ich in Köln aufgewachsen wäre, dann wäre ich jetzt wohl dort. Klare Heimatverbundenheit. Im Odenwald kann man sehr gut Mountain-Bike fahren und jetzt starten ja auch bald wieder die ganzen Weinfeste! An jedem Wochenende ein anderes. Das hat man in Berlin und Köln nicht.

 

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Interview: Paul Heesch / bauteil.b

Fotos: Daniel Lukac


www.versioneye.com

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