TEL AVIV GOES MANNHEIM

Das Innovationsprogramm B-WIP-Accelerator eröffnet neue Perspektiven

Wenn sich ein wirtschaftlich prosperierendes Bundesland wie Baden-Württemberg mit einem der weltweit dynamischsten Startup-Ökosysteme wie Israel zusammentut, kann Großes entstehen. Unterstützt vom Wirtschaftsministerium des Landes und vom israelischen Generalkonsulat startet am 5. Juli eine Kooperation der Startup-City Tel Aviv mit STARTUP MANNHEIM. Welche Perspektiven das Innovationsprogramm B-WIP-Accelerator eröffnet, haben uns Vize-Generalkonsul Jonathan Glick und Florian Fischer, Projektleiter /-koordinator des Accelerator bei einem Treffen in Mannheim erläutert.

 

Baden-Württemberg und Israel – wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Jonathan Glick: Los ging das vor etwa eineinhalb Jahren. Ich unterhielt mich mit meinem Chef, Generalkonsul Dr. Dan Shaham, über innovative Wirtschaftsregionen in Süddeutschland und über mögliche Kooperationen mit Startups aus Tel Aviv und ganz Israel. Er hatte kurz zuvor Mannheims Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz und STARTUP MANNHEIM-Geschäftsführer Christian Sommer kennen gelernt und war begeistert von deren Enthusiasmus und Engagement. Im April letzten Jahres haben wir dann in Mannheim ein Treffen vereinbart und ich konnte wertvolle Einblicke in die Arbeitsweise und die Struktur der Mannheimer Startup-Szene gewinnen.

Warum möchte Tel Aviv mit Mannheim kooperieren?   

Jonathan Glick: Das Mannheimer Startup-Ökosystem, das ich hier kennengelernt habe, sucht in ganz Deutschland seinesgleichen! In meiner Tätigkeit als Vize-Generalkonsul bin ich viel in Süddeutschland unterwegs: in Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Saarland und Hessen. Nirgends habe ich bisher eine Stadt mit einer ähnlich hoch entwickelten Struktur für Gründer kennengelernt. Christian Sommer und ich haben uns in den folgenden Monaten mehrfach in Mannheim und München getroffen. Dabei sprachen wir ausgiebig über Mannheim und Tel Aviv, über Unternehmertum und Innovationskraft, über Möglichkeiten und Potenziale einer Zusammenarbeit. Schnell waren wir uns einig, dass es an der Zeit ist, eine Brücke zwischen den beiden Städten zu schlagen.

Florian Fischer: Ich habe Israel und Tel Aviv im August 2016 zum ersten Mal kennengelernt und mich sofort Hals über Kopf in das Land verliebt. Der Wunsch dorthin zurückzukehren und Land und Leute besser kennenzulernen war so stark, dass ich bereits Ende Oktober für ein halbes Jahr nach Israel gegangen bin. In Tel Aviv, mitten im Herzen der Startup-Nation Israel, habe ich ein sechsmonatiges Internship absolviert – es war großartig.

 

 

Welche Chancen eröffnet die Kooperation beiden Städten?

Florian Fischer: Das Besondere an Baden-Württemberg sind die großen und mittelständischen Unternehmen, die hier angesiedelt sind. Dieser Mix ist seit Jahrzehnten ein wichtiger Motor für Innovationen. In den letzten Jahren fällt auf, dass unsere Unternehmen sich immer stärker mit dem digitalen Wandel befassen, um den Anschluss an neue Entwicklungen nicht zu verpassen. Unter keinen Umständen wollen sie sich von disruptiven Startups abhängen lassen.
Tel Aviv hingegen ist ein globaler Hotspot der Startup-Kultur. Viele innovative neue Kleinunternehmen sprießen hervor und sind aufgrund des begrenzten heimischen Marktes schon früh gezwungen global zu denken. Eine Konstellation, die das Ökosystem Tel Avivs weltweit einzigartig macht. Ganz anders als beispielsweise im Silicon Valley, wo Startups zunächst nicht international denken müssen, da ihnen der große nordamerikanische Markt ja direkt vor der Nase liegt. Eine Kooperation zwischen global denkenden israelischen Startups und Baden-Württemberg als Herzstück deutscher Fertigungsindustrie verspricht enorme Potenziale – besonders, weil beide Märkte im B2B-Bereich sehr gut aufgestellt sind. Eine weitere Stärke der geplanten Zusammenarbeit ist der Bereich Cyber-Sicherheit. Die macht dem deutschen Mittelstand schwer zu schaffen, während israelische Startups in diesem Bereich zu den Weltmarktführern gehören. Da können sich optimale Synergieeffekte zwischen zwei Ökosystemen ergeben, die nur vier Flugstunden voneinander entfernt liegen.

Jonathan Glick: Es sind nicht nur die Technologien, die sich gut ergänzen, sondern vor allem auch die Menschen. Mannheim ist eine echte Startup City auf dem Weg zur Smart City. Hier spürt man eine unglaubliche Energie, die den gesamten Innovationssektor umgibt. Das gilt sowohl für die Stadtverwaltung als auch für das Gründungs-Ökosystem STARTUP MANNHEIM. Es herrscht eine enorm hohe Innovations- und Kooperationsbereitschaft. Ich mag die professionelle Bescheidenheit der Akteure, die sich trotz der überragenden Erfolge die Fähigkeit beibehalten haben, sich neuen Einflüssen gegenüber nicht zu verschließen und ständig Neues zu erlernen. Das sind Eigenschaften, die man in anderen Städten und Regionen leider oft vermisst.

 

 

Was können Mannheim und Tel Aviv voneinander lernen?

Florian Fischer: Was wir auf jeden Fall lernen können ist, dass Startups eng mit dem Technologiesektor verbunden sein können. In Deutschland haben wir mit Berlin eine große und prominente Startup-Szene, die ihren Fokus stark auf den B2C-Bereich legt. Das ist international gesehen eher ungewöhnlich.

Jonathan Glick: Eine Kooperation ist dann ein Erfolg, wenn beide Seiten davon profitieren. Ich sehe für deutsche Unternehmen die Chance zu lernen, dass es sich lohnt Risiken in Kauf zu nehmen und auch mal eine Reise ins Ungewisse zu wagen. Es macht Sinn schnell zu agieren, auch wenn das manchmal mit Chaos verbunden ist. Nur so kann man rasch Resultate erzielen und in kurzer Zeit etwas Neues erschaffen. Israelische Startups können umgekehrt lernen, wie man als kleine, gut funktionierende Firma den nächsten Wachstumsschritt meistert. Wie man den Sprung von hundert auf tausend Mitarbeitern schafft. Sowas fehlt in Israel, wir haben kaum Firmen in dieser Größenordnung. Was in Baden-Württemberg unter den Begriff kleinerer Mittelstand fällt, gilt bei uns schon fast als Großkonzern. Die Unternehmen hier aus der Metropolregion sind wahre Expansionsprofis. Israelische Startups erreichen viel zu früh den Punkt, an dem ihre Gründer nicht mehr in der Lage sind weiteres Wachstum zu koordinieren. Das ist der Zeitpunkt an dem Großunternehmen die Startups übernehmen – dies geschieht nicht immer zu deren Bestem. Es wäre toll, wenn wir von euch lernen könnten, wie dieser nächste Schritt erfolgreich gemeistert wird.

 

 

Was ist der Schlüssel zum Erfolg in der Startup-Szene von Tel Aviv?

Jonathan Glick: Hand aufs Herz, auch Tel Aviv ist keine Stadt mit übernatürlichen Kräften. Jerusalem ist unsere Hauptstadt, Tel Aviv die Wirtschaftsmetropole. Die Stadt verfügt über ein gutes Bankwesen und ist international ausgerichtet. Als Party- und Lifestyle-Metropole hat Tel Aviv eine große Anziehungskraft auf junge Menschen aus dem ganzen Land. Junge Leute und Startups, das gehört einfach zusammen, das geht Hand in Hand. Vielleicht hängt der Erfolg israelischer Startups aber auch mit der Bereitschaft unseres Volkes zusammen, Risiken einzugehen. Historisch und geopolitisch betrachtet sind wir es gewohnt, mit Risiken konfrontiert zu sein. Gut möglich, dass diese Erfahrung dafür sorgt, dass wir offensiver damit umgehen als andere Nationen. Hinzu kommt, dass wir einfach keine Firmen wie Daimler, VW oder Siemens haben. Auch ein Mittelstand wie der in Deutschland fehlt. Hochqualifizierte Hochschulabsolventen sind bei uns darauf angewiesen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und zu gründen. Es gibt schlichtweg keine Firmen bei denen man unter der Annahme anheuern kann, ein ganzes Berufsleben über eine sichere Festanstellung und Karrierechancen zu haben.

Florian Fischer: Ich glaube, es ist auch Teil des israelisch-jüdischen Kulturerbes, sich ein hohes Maß an Flexibilität beizubehalten. Viele Israelis haben den Anspruch an sich selbst, den gewählten Weg konsequent zu gehen und ihren Beruf so gut und erfolgreich wie möglich auszuüben.

Jonathan Glick: Ich möchte hier gar nicht groß auf das Judentum und die damit verbundenen Klischees eingehen, aber unter Verfolgung zu leiden zwingt einen schon dazu, sich ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit zu erhalten. Verlässt man ein Land und ist gezwungen umzusiedeln, muss man sich schnell anpassen können. Die Fähigkeit sich wandelnden Gegebenheiten anzupassen formt den Charakter einer Gesellschaft und das gilt auch für die Wirtschaft. Noch vor wenigen Jahren hat sich niemand mit dem Thema Autonomes Fahren auseinandergesetzt. Das Thema kommt auf und israelische Startups erkennen es sofort. Bei uns geht das blitzschnell, schneller als in Deutschland mit seiner bedeutenden, jahrzehntelangen Tradition im Automobilbau.

Florian Fischer: Gerade die Automobilindustrie ist ein hervorragendes Beispiel für die Chancen einer Kooperation zwischen Deutschland und Israel. Wir bauen tolle Hardware, aus Israel stammt tolle Software, darin sehe ich eine große Chance.

Bitte beschreibt doch mal konkret, wie der geplante Accelerator strukturiert sein wird.

Florian Fischer: Es wird ein zehnwöchiges Innovationsprogramm geben, in dessen Rahmen baden-württembergische Unternehmen mit israelischen Startups zusammenarbeiten werden. Zwei Wochen lang werden die Teilnehmer in Tel Aviv sein, den Rest der Zeit werden sie hier in Mannheim verbringen. Im Verlauf des Programms werden Wirtschaftsberater unseres Kooperationspartners Roland Berger die Teilnehmer im Rahmen von Innovations-Trainings coachen. Wir streben Joint-Ventures und Partnerschaften an, die auf die Bedürfnisse der deutschen Unternehmensseite maßgeschneidert sind. Uns geht es hauptsächlich darum, die genauen Bedürfnisse deutscher Unternehmen herauszufinden. Unsere Aufgabe ist es dann, das zur jeweiligen Problemstellung passende israelische Startup ausfindig zu machen und beide Seiten zusammenzubringen. Wir hoffen, dass sich so bis zum Ende des Programms spannende und konstruktive neue Partnerschaften ergeben haben.

Jonathan Glick: Beide Seiten werden von dem Programm profitieren. Deutsche Unternehmen erhalten eine neue Sichtweise auf das Thema Innovation. Kleinere Startups agieren oft viel schneller. Entscheidungsprozesse und Meetings verlaufen in der Regel viel zeitoptimierter als bei Großunternehmen. Mit ihrer Abteilung für Digitale Transformation wird Roland Berger deutsche Firmen außerdem dabei unterstützen, erfolgreicher mit Startups zu interagieren. Oft liegen Welten zwischen den beiden Unternehmenskulturen, das ist nicht zu unterschätzen. Es gibt unzählige Beispiele dafür, wie solche Kooperationen gescheitert sind. Auch Übernahmen von Startups durch Unternehmen scheitern viel zu häufig, obwohl beide Seiten sich eigentlich perfekt ergänzen würden. Unsere Rolle wird hauptsächlich darin bestehen, als Mittler zwischen den Welten zu fungieren. Ziel ist es, beide Seiten im Rahmen eines Pilotprogramms zusammenzubringen. Neu erworbenes Wissen kann so gleich in der Praxis erprobt werden. Israelische Startups orientieren sich traditionell eher im englischsprachigen Raum. Für die wird das auch eine ganz neue, spannende Erfahrung sein.

 

 

Werfen wir einen Blick in die Zukunft, gibt es da bereits Pläne? Wird das Programm in den nächsten Jahren wiederholt werden?

Jonathan Glick: Bei uns gibt es ein Sprichwort: „Um ein Treppenhaus bis ins Dach zu erklimmen, genügt es die jeweils nächste Stufe zu sehen.“ Auch wieder so ein Kulturunterschied zwischen Deutschland und Israel. Wenn wir von einem langfristigen Projekt sprechen, dann haben wir meistens eine Zeitspanne von einem Jahr im Hinterkopf, für deutsche Verhältnisse eine sehr kurze Zeit.

Florian Fischer: Es gibt viele Pläne für die Zukunft und ja, wir beabsichtigen natürlich das Programm zu wiederholen. Geplant ist es, das Programm zweimal jährlich stattfinden zu lassen.

Jonathan Glick: Wenn ich einen Blick in die Zukunft wage, dann bin ich von einer Sache felsenfest überzeugt: Mannheim wird der Standort sein, an dem Unternehmen aus ganz Deutschland in Kontakt mit hochinnovativen Startups treten werden. Ich meine das nicht nur in Bezug auf israelische Startups, sondern ganz bewusst in Bezug auf die hiesige Startup-Szene. Mannheim wird als innovative Schnittstelle zwischen deutschen Unternehmen und der Startup-Welt Vorbildcharakter für viele andere Städte haben. Da bin ich mir ganz sicher.

 


Interview: Andreas Stanita / LA.MAG Content. Corporate. Communication.

Fotos: Sebastian Weindel

www.startup-mannheim.de

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