SurveyCircle

Die Umfrageplattform 2.0

Studien bringen die Forschung voran – aber nur, wenn genügend Probanden teilnehmen. Mit der Plattform SurveyCircle hilft Jonas Johé der Wissenschaft und anderen Gründern, Studienteilnehmer zu finden – und hat eine Marktlücke entdeckt. Wir haben den Betriebswirtschaftler, Marketing-Experten und Wahl-Mannheimer im Coworking-Space bauteil.b zum Interview getroffen.

 

Jonas, mit SurveyCircle bringt Ihr wie bei Air B’n’B Menschen zusammen. Statt um Räume, geht es bei euch aber um Online-Studien.

Es stimmt, wir bringen mit SurveyCircle Menschen zusammen. Und trotzdem passt der Vergleich mit Air B’n’B nicht ganz. Bei Air B’n’B gibt es eine klare Trennung zwischen der Angebotsseite, also den Menschen, die Wohnraum zur Verfügung stellen, und der Nachfrageseite, also den Menschen, die den Wohnraum gegen Geld mieten. Anbieter und Nachfrager verfolgen unterschiedliche Ziele.

Im Unterschied dazu treffen sich bei SurveyCircle Menschen, die das gleiche Ziel haben: Alle wollen mehr Teilnehmer für ihre empirische Studie gewinnen! Und um das zu erreichen, stellen sie sich als Probanden für die Studien anderer Nutzer zur Verfügung. Jeder Studienleiter ist also gleichzeitig Anbieter und Nachfrager. SurveyCircle ist also vom Ansatz her weniger ein Air B’n’B, sondern – im weitesten Sinne – eher ein Couchsurfing für Studienleiter oder ein Stack Overflow zur Rekrutierung von Umfrageteilnehmern.

 

 

Okay, das macht Sinn. Wie hast du gemerkt, dass es Bedarf für eine Webseite wie SurveyCircle gibt?

Dass es Bedarf für eine Plattform wie SurveyCircle gibt, weiß ich aus eigener Erfahrung durch meine empirische Masterarbeit, aber auch dank unzähliger „Hilfe-ich-brauche-bis-morgen-noch-20-Probanden“-Rufe, die ich im Laufe des Studiums so gehört bzw. im Internet gelesen habe. Wenn man Teilnehmer für eine Studie sucht, funktioniert das in den ersten Tagen nach dem Start der Umfrage meistens ganz gut. Aber sobald der eigene Bekanntenkreis als „Teilnehmer-Pool“ erschöpft ist, wird es für Studienleiter schwierig, noch mehr Leute zur Teilnahme zu motivieren…

Klingt anstrengend, die Suche nach Studienteilnehmern!

Ja, das ist sie auch. Ich habe als Incentive für die Teilnahme an meiner Masterarbeitsstudie sogar „Camblocker“, also kleine Werbegeschenke, produzieren lassen. Das sind diese kleinen Sticker, mit denen man die Webcam am Laptop überkleben kann. Ich habe sie in allen Bibliotheken der Uni an Kommilitonen verteilt. Auf den Stickern war in winziger Schrift ein Aufruf zur Teilnahme an meiner Studie gedruckt. Die Aktion hat ganz gut funktioniert, muss ich zugeben. Aber es kann ja nicht sein, dass jetzt jeder Student oder Doktorand Werbegeschenke für seine Studie produzieren lassen muss. So eine Aktion würde irgendwann auch ihren Effekt verlieren.

Jedenfalls war klar, dass ich nicht der einzige war, der eine große Stichprobe brauchte und damit vor einer Herausforderung stand. Egal ob für Bachelorarbeiten, Masterarbeiten oder Dissertationen: Es werden ständig Studienteilnehmer gesucht, mit dem Ziel, am Ende aussagekräftige Studienergebnisse zu erhalten.

Aber es gab vor SurveyCircle noch keinen Ort, an dem man über einen geregelten Prozess Umfrageteilenehmer finden kann. Mein Gedanke war: „Wir alle brauchen Studienteilnehmer für gute Forschung. Dann könnten wir uns doch auch gegenseitig als Teilnehmer zur Verfügung stellen!“ Ich habe dann gesehen, dass es auf Facebook und Xing schon ein paar Gruppen gab, die genau diesen Ansatz verfolgen. Eigentlich vielversprechend. Aber in der Praxis sind diese Gruppen für die strukturierte Rekrutierung von Teilnehmern nicht geeignet – und sehr ineffizient. Es fehlt ihnen an den nötigen Rahmenbedingungen, um wirklich zu funktionieren.

Es gibt schon tausende Online-Plattform, aber eine wie SurveyCircle hat offenbar wirklich gefehlt. Ich fand das selbst seltsam, weil es ja – gefühlt – alles schon gibt im Internet. Aber nach ein paar Mal Googlen habe ich festgestellt, dass es wirklich nichts in dieser Art gibt. Die Frage war dann also nur, wie man ein System entwickelt, in dem gegenseitige Unterstützung zwischen Studienleitern wesentlich besser funktioniert als in Facebook-Gruppen.

 

 

Und wie kam dir die entscheidende Idee?

Ich habe mich gefragt, wie man dafür sorgen kann, dass die Leute, die anderen viel helfen, auch viel Hilfe zurückbekommen. Dann kam mir die Idee, das über ein Ranking-System zu lösen, in dem man bei jeder Teilnahme an einer Studie Punkte sammelt.

Erklär uns das bitte mal ganz genau.

Sagen wir mal, du bist Student oder angehender Gründer, hast eine Umfrage mit einer beliebigen Umfragesoftware erstellt und suchst jetzt Teilnehmer dafür. Der erste Schritt ist jetzt, dass du dich bei SurveyCircle registriert. Name, Land, E-Mail-Adresse, fertig. Danach kannst du deine Umfrage bei SurveyCircle posten. Sie kommt ins Survey Ranking, das aussieht, wie etwa eine Bundeligatabelle: Studien mit wenigen Punkten stehen unten, Studien mit vielen Punkte stehen oben. Je öfter du dann anderen bei ihren Studien hilfst, indem du als Proband an ihnen teilnimmst, desto mehr Punkte sammelst du für deine eigene Studie – und sie wandert im Ranking nach oben. Und je besser die Platzierung deiner Studie ist, desto mehr Punkte bekommen andere, wenn sie daran teilnehmen.

Der Anreiz, an Studien im oberen Bereich des Rankings teilzunehmen ist also um ein Vielfaches höher?

Ja, und so kann man als Studienleiter selbst ganz gut steuern, wie viele Leute an der eigenen Studie teilnehmen. Wenn du bereit bist, mehr zu helfen, bekommst du auch mehr Hilfe zurück.

Und Ihr habt mit den Punkten auf SurveyCircle quasi eine eigene Währung geschaffen.

Eine Währung sind die Punkte nicht. Wir haben es mal digitales Gedächtnis für Hilfsbereitschaft genannt. Deine bisher gezeigte Hilfsbereitschaft gegenüber anderen Nutzern speichert sich in Form deines Punktestandes. Und der spezielle Anreizmechanismus im Survey Ranking sorgt dafür, das Studien mit hohem Punktestand eben schneller Teilnehmer finden als Studien mit niedrigem Punktestand.

Seid Ihr schon im Ausland vertreten?

Im Sommer 2016 sind wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz gestartet. Das machte sprachlich Sinn und wir kannten die akademische Landschaft hier am besten. Ein halbes Jahr später haben wir die Plattform auf Englisch übersetzt und sind in neun weiteren Ländern online gegangen, in denen Englisch die Muttersprache ist. So konnten wir mit einer zusätzlichen Sprachversion gleich mehrere große Länder abdecken. Mittlerweile bieten wir SurveyCircle auch in den Niederlanden und in Belgien an.

Und wie viele Studien sind jetzt schon online?

Insgesamt waren bisher über 3.500 Studien online. In der Spitze hatten wir in diesem Jahr 450 Studien zeitgleich auf der Plattform. Trotzdem schwankt die Studienzahl saisonal, was vor allem am Semesterverlauf liegt. In der Mitte des Semesters stellen besonders viele ihre Studien online, am Ende der Semesterferien sind dann viele Projekte schon beendet – und die neuen Projekte haben noch nicht angefangen.

 

 

Und aus welchen Fächern kommen die Studien?

Die Studien kommen aus ganz verschiedenen Fachbereichen. Von Sportwissenschaften bis Informatik ist fast alles dabei. Die meisten Umfragen und Online-Experimente kommen aber, und das war auch zu erwarten, aus den Bereichen Psychologie und Betriebswirtschaftslehre. Cool ist, dass auch schon viele Gründer und Startups ihre Geschäftsideen über SurveyCircle getestet haben. Dass sich die Plattform auch gut für die Marktforschung eignet, weiß aktuell aber noch fast niemand. Steht aber schon lange auf unserer Marketing-To-Do-Liste, dieser Punkt.

Nach viel Freizeit klingt das alles irgendwie nicht…

Ja, manchmal leidet die Freizeit wirklich. Vor allem Sport kommt zu kurz. Wenn ich mir selbst rückwirkend einen Ratschlag geben könnte, würde ich sagen: „In dem Moment, wo du ein Startup anmeldest, kündige sicherheitshalber deinen Vertrag im Fitnessstudio.“

Auch für mein Motorrad hätte in diesem Sommer wahrscheinlich eine Art „Zehnerkarte“ ausgereicht, anstatt des Saisonkennzeichens. Aber wenn das Wetter so mitspielt wie heute, freue ich mich immer, wenn ich den alten Corsa stehen lassen kann und die paar Kilometer zum Mafinex mit dem Motorrad fahren kann.

Nochmal zurück zum Marketing: Ihr schreibt die Hochschulen direkt an, um sie auf euer Angebot aufmerksam zu machen?

Genau, denn je früher die Studierenden und Doktoranden von SurveyCircle erfahren, desto mehr können sie von der Plattform profitieren. Am besten ist es, wenn man sich schon ein paar Wochen oder sogar Monate vor dem Start der eigenen Studie registriert und frühzeitig an Studien von anderen Nutzern teilnimmt. Wenn man zum Beispiel in den Semesterferien viel Zeit hat, kann man sich wunderbar ein Punktepolster aufbauen. Wenn die eigene Studie dann online geht, steigt sie gleich auf einer guten Platzierung im Survey Ranking ein.

Wir wollen es schaffen, ein Bewusstsein dafür erzeugen, dass es sich wirklich lohnt, sich frühzeitig bei uns zu registrieren – und nicht erst dann, wenn die Hütte brennt und man über Nacht noch 50 Teilnehmer braucht.

Kann ich meine Punkte auch verkaufen?

Nein, aber wenn man als Forschungsinteressierter ohne eigene Studie bei SurveyCircle mitmacht, kann man gesammelte Punkte an beliebige Studienleiter senden. Ähnlich wie Geld senden bei PayPal – nur eben mit Punkten. So kann man Familienmitgliedern und Freunden helfen, sich im Ranking nach oben zu arbeiten und dadurch schneller Teilnehmer zu finden. Man kann aber auch Punkte an Studienleiter senden, wenn man deren Forschungsprojekt besonders interessant fand. Dass auch Personen ohne eigene Studie bei SurveyCircle mitmachen können, hat außerdem den Vorteil, dass wir eine größere Heterogenität in der Nutzerbasis erreichen.

Du hast selbst auch Marketing studiert, oder?

Im Bachelor habe ich an der DHBW Mannheim International Business studiert, ein allgemeines BWL-Studium mit internationalen Komponenten. Wir haben zum Beispiel auch sechs Semester lang Chinesisch gelernt. Hab‘ ich mittlerweile alles wieder vergessen, aber im Praxissemester in Shanghai hat es wirklich geholfen.

Während des Studiums hast du in Mannheim gewohnt?

Ja, ich bin zum Studium nach Mannheim gezogen. Der Bachelor an der DHBW war ein guter Studiengang und auch die Mischung aus Theorie und Praxis hat mir gefallen. Ein Theoriesemester habe ich an einer amerikanischen Uni verbracht, was für mich eine tolle Erfahrung war.

Ich war allerdings schon immer interessiert an Forschung und Wissenschaft. Deshalb war mir klar, dass ich, wenn ich einen Master machen würde, an eine Universität gehen würde.

Und nach dem Bachelor hast du dann gleich mit dem Master angefangen?

Ich habe nach dem Bachelor für drei Jahre als Marketing Communications Manager bei Evonik gearbeitet. Der Job war sehr vielseitig und hat gut zu meinen Interessen gepasst. Lustigerweise war mein größtes Projekt auch dort die Entwicklung einer Online-Plattform für den Konzern. Das war damals auch persönlich ein wichtiges Projekt für mich.

Und dann war es 2012 und …?

… ich habe mich an der Uni Mannheim beworben. Mannheim ist einfach zu meiner Stadt geworden, schon in den Bachelor-Jahren. Als ich dann den Zulassungsbescheid für den Studiengang „Mannheim Master in Management“ bekommen habe, musste ich nicht mehr lange überlegen…

 

 

Und auch nach dem Master bist du weiterhin in Mannheim. Was führt dich mit SurveyCircle in den Coworking-Space „bauteil.B“ im Mafinex?

Nachdem ich mich entschlossen hatte, die SurveyCircle-Idee wirklich umzusetzen, habe ich erst einmal mehrere Monate von zuhause aus gearbeitet. Da wurde dann der Couchtisch zum Schreibtisch. Ergonomisch äußerst fragwürdig, aber anders ging’s nicht. Danach habe ich dann ein paar Monate einen Mix aus Home-Office und Uni-Bibliothek gemacht. Das war ein Fortschritt, aber irgendwann habe ich mir eine richtige Arbeitsatmosphäre gewünscht.

Vom bauteil.B habe ich eher zufällig erfahren. Ich glaube, durch einen Newsletter der Stadt Mannheim. Der Coworking-Space war damals erst ein paar Monate alt und mir hat die Gestaltung der Räume schon auf den Fotos im Internet gefallen. Im Februar habe ich mich dann mit Paul im bauteil.B getroffen, er hat mir alles gezeigt, und ich habe den Vertrag unterschrieben. Seit März habe ich jetzt einen „Fix Desk“ hier, also einen festen Arbeitsplatz mit 24/7 Zugang zum Büro. Sehr praktisch!

Besonders gut gefällt mir im bauteil.B, dass ziemlich schnell ein echtes Gemeinschaftsgefühl entstanden ist. Mit Tischtennis in den Pausen und guten Gesprächen auch abseits von Startup- und Arbeitsthemen. Letztlich ist es wahrscheinlich das, was den größten Unterschied zum Home-Office ausmacht.

Vielen Dank für das Gespräch!


Interview: Paul Heesch / LA.MAG Content. Corporate. Communication.

Fotos: Ricardo Wiesinger

www.surveycircle.com

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