RoadAds Interactive

Wie Andreas Widmann die Werbung digitalisiert

Andreas Widmann studiert Informatik in Heidelberg. Er geht mit seiner Freundin regelmäßig Tanzen – und er hat eine eigene Firma im Mannheimer MAFINEX Technologiezentrum gegründet: RoadAds interactive. Seine Idee? LKWs mit ePaper-Displays ausrüsten und die digitalen Werbeflächen zentral und in Echtzeit verwalten. Wir sprachen mit dem Gewinner des Mannheimer Existenzgründerpreises 2017 über die Zukunft der digitalen Werbung und warum das Gründen in Deutschland eine gute Idee ist.

 

Andreas, wie zum Teufel bist du auf die Idee gekommen, ePaper-Displays an LKWs zu schrauben?

Die Idee schwirrte schon seit Jahren in meinem Kopf rum: Mein Vater ist Teil der Geschäftsleitung bei einem großen Logistiker. Er kam eines Abends nach Hause und wir sprachen darüber, dass LKW-Werbung wie sie bisher ist, einfach Mist sei. Weil man die Werbung zum Beispiel nicht anpassen kann, wenn der LKW im Ausland unterwegs ist und so extreme Streuverluste entstehen. Wir haben uns dann überlegt, wie man das besser machen kann. Naheliegend war dann natürlich ein Display an den LKW zu schrauben, um die Werbung digital zu machen. Es wurde aber schnell klar, dass das nicht geht, weil es ePaper-Displays damals nicht in der notwendigen Größe gab und auch keine Firma diese entwickeln wollte.

Aber es gibt doch noch andere Displays in der notwendigen Größe?

Ja, aber die geben alle Licht ab. Bei LCD gibt es eine Hintergrundbeleuchtung. OLED ist selbstleuchtend. Und alles was Licht abgibt, ist eine „lichttechnische Einrichtung“ und nach Paragraf 49a der Straßenverkehrszulassungsordnung verboten. Es gibt eine Whitelist, da stehen Blinker drin, Abblendlichter etc. Alles was nicht auf der Liste steht, ist untersagt.

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Ist ja vielleicht auch gut so…

Hat seine Gründe, klar! Leider gibt es aber auch keine Lupenbegrenzung, sondern es ist ganz strikt: Sobald ein Gerät Licht abgibt, fällt es unter den Paragrafen. Mit dem ePaper ist das kein Problem, weil es nicht leuchtet und das auch gar nicht muss, weil der Kontrast so hoch ist. Nachts sieht man es nicht so gut, aber sobald Scheinwerferlicht darauf fällt, geht es schon. Außerdem gibt es bei den E-Paper-Displays den zulassungstechnischen Vorteil, dass sie keine Darstellung von Bewegtbildern zulassen, sondern nur den Wechsel von Standbildern. Es ist also gar kein Display im eigentlichen Sinne. Es sind Tintenpartikel, die ausgerichtet werden und das sind genau dieselben Partikel, mit denen ich sonst Papier bedrucken würde.

Tatsächlich?

Ja, das sind in geladenen Flüssigkristallen gebundene Tintenpartikel, die dann an die Oberfläche wandern. Das ist auch der Grund, warum wir bisher nur schwarzweiß sind. Es gibt halt nur zwei Ladungen.

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Aber man könnte doch vier verschiedenfarbige Tintenpartikel einbringen.

Es gibt es tatsächlich einen Prototyp für eine vier-farbige Darstellung, wie das technisch gemacht ist, weiß ich aber ehrlich gesagt nicht genau! Das wird wohl noch ein paar Jahre dauern.

Hast du eigentlich ein Patent auf Deine Idee, ist die irgendwie geschützt? Die könnte dir ein Großer ja jederzeit stehlen!

Unseren Aufbau selbst kann man nicht patentieren lassen und die ePaper-Technik ist natürlich schon patentiert. Die Displaypanels kaufen wir zu und haben mit Visionect einen sehr guten Partner. Weil wir aber das Display nur in seiner Funktion als Display nutzen, ist auch da keine patentierbare Neuerung zu argumentieren. Es gibt zwar Nachahmer, aber die werden von Visionect normalerweise alle an uns verwiesen. Von daher wird es wohl verschiedene Kooperationen geben, weil wir ja auch ein Jahr Forschungsvorsprung haben. Es ist für die anderen Firmen dann einfacher, unsere Technik dazuzukaufen, und wir wollen unsere Plattform und unsere Software ja auch als Service anbieten. Wir sind aber gerade dran an einem Patent, über das ich natürlich jetzt nicht zu viel erzählen darf. Aber das bezieht sich eher darauf, wie die Werbung auf das Display kommt.

 

Und wie habt Ihr Mercedes-Benz als Partner gewinnen können?

Die haben von selbst angerufen und gefragt, ob wir „irgendetwas brauchen?“. „Einen LKW!“, haben wir gesagt. Und tatsächlich haben sie uns einen zur Verfügung gestellt. Das war Glück, weil wir kurz vorher mit Visionect einen Partner für die Displays gefunden hatten und loslegen konnten. Wir konnten im Februar 2016 anfangen und bei Mercedes sagten sie uns, wenn ihr schnell seid, dürft ihr das im April auf unserer LKW-Vollversammlung zeigen. Das hat dann auch geklappt. War allerdings die allererste Version, da haben wir eine halbe Stunde vor Präsentation noch die letzten Schrauben angezogen. Das war schon wild. Aber wir hatten etwas zu präsentieren!

Eine große Marke als Partner im Boot zu haben, ist keine schlechte Sache, oder?

Nein, das ist enorm hilfreich! Die kommen extrem schnell an Informationen ran. Wenn die irgendwo anrufen, geht alles immer gleich ein bisschen schneller, als wenn ein kleiner Stinker wie ich da anruft. Und sie haben uns toll unterstützt, etwa was die Stromversorgung am LKW oder die Anbringung angeht. Da ich nicht mit LKWs groß geworden bin, gab es für mich am Anfang viele offene Fragen. Jetzt gehen wir einfach mit einem Zwischenadapter an den ganz normalen Anhängerstecker, das war dann im Endeffekteinfach. Wir wollten möglichst wenig invasiv vorgehen, daher muss man die Displays nun nur an die Tür schrauben und den Stecker einstecken, fertig! Alles andere ist im Modul selbst verbaut.

Ihr verdient euer Geld also mit dem Verkauf der Displays?

Der Fokus liegt eher auf Werbeplattform und Werbeverkauf. In älteren Artikeln über uns ist noch zu lesen, wir wollten die Displays verkaufen und so sind wir damals auch auf der IAA angetreten. Dann haben wir aber gemerkt, dass das nicht funktionieren wird, weil die Leute noch nicht bereit sind, das Geld für ein Display in die Hand zu nehmen, weil in der Logistik die Margen sehr gering sind.

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Und der neue Plan ist?

Wir bringen dem Logistiker das Display am Truck an, zahlen ihm Miete für die Fläche und übernehmen alles andere. Dafür wiederum haben wir schon von allen Seiten positives Feedback bekommen und viele wollen mitmachen. Es bedeutet ja keine Arbeit für die Spediteure, ist aber eine zusätzliche Einnahmequelle. Der begrenzende Faktor ist eher, dass wir die Displays selbst finanzieren müssen.

Dann braucht es jetzt also einen Investor? Mercedes vielleicht?

Da sind wir gerade dran. Viel mehr kann ich darüber noch nicht sagen. Wir haben schon ein paar Interessenten. Wir wollten den Einstieg von Investoren möglichst lange hinauszögern und haben bis jetzt alles privat und durch öffentliche Fördergelder finanziert. Jetzt sind wir aber an dem Punkt, dass wir sagen, das geht jetzt nicht mehr. Das war auch gut so. Jetzt können wir etwas vorweisen und da tut man sich in einem Investorengespräch viel leichter. Und es macht einen wohl auch sparsamer und man achtet eher darauf, wofür man Geld ausgibt und überlegt sich, was wirklich wichtig ist. Denn es ist ja eigenes Geld, beziehungsweise das der Eltern … Es geht dann eher um Qualität und ob die Dinge gut durchdacht sind – und nicht um Fame und horrende Marketing-Ausgaben. Wir haben uns immer voll darauf fokussiert, unser Produkt zu verbessern.

Zurück zum Geschäftsmodell!!

Wir verkaufen die Werbeschaltung über unsere eigene Plattform und über Agenturen, sodass wir zwei Kundensegmente abbilden können, die lokalen – aber auch die großen Kunden. So wie es sich gerade entwickelt, werden wir mittelfristig auch die Displays verkaufen – und zwar auch für andere Fahrzeugtypen, wie Busse. Die Busunternehmer verstehen das Werbebusiness auch noch mal besser als die Spediteure.

Und in fünf Jahren?

Ich fände es gut, wenn dass, was wir machen, sich in irgendeiner Form durchsetzt. Ich bin einfach der Meinung, dass das Sinn ergibt. Wir haben noch relativ viele normale Werbeplakate und auch einen Haufen Digitalscreens überall rumstehen, die aber alle noch nicht richtig vernetzt sind. Die Onlinebuchung die wir machen, läuft ja in Echtzeit. Ich lade meine Werbung hoch, drücke auf einen Knopf und zack – ist die Werbung auf dem Display.

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Also in Zukunft nicht nur auf LKWs?

Genau! Das System lässt sich übertragen. Jedes Display lässt sich anschließen.

Man könnte zum Beispiel auch klassische Werbeflächen wie die Mannheimer „Stimmgabeln“ mit Displays ausstatten?

Ja, jeder sogenannte „Out-of-home-Screen“ wäre ja theoretisch an unser System anschließbar. Bisher sind die Displays in weiten Teilen noch nicht digitalisiert. Im Moment musst du zu einer Agentur gehen, die dir dann eine Werbung gestaltet und die dann mit dem Displaybetreiber in Kontakt tritt und so weiter. Stattdessen könnte ich auch von Zuhause aus kurz eine Werbung für mein Unternehmen erstellen und die günstig auf ein Display in der Stadt hochladen. Das eröffnet ganz neue Zielgruppen.

Dann wird die Digitalisierung also als nächstes die Plakatierer fressen?

Das stimmt leider. Das ist immer ein Problem von Digitalisierung. Bisher hat sich aber auch immer gezeigt, dass neue Jobs entstanden sind, wo die alten weggefallen sind. Es braucht dann ja etwa Servicetechniker für die Displays. Dennoch tritt im Silicon Valley gerade eine Depression ein, weil ihr unfassbarer Fortschrittsglaube, die Überzeugung, Fortschritt würde immer die Welt verbessern, ad absurdum geführt hat. Twitter …

… hat Trump erst möglich gemacht!

Genau. Die Revolution frisst ihre Kinder, den Schaden haben jetzt Facebook und Co., denen durch die neuen Einreisebestimmungen die Arbeitskräfte abhandenkommen. Klar, das ist einerseits ein bisschen blauäugig, da so reinzumarschieren. Andererseits brauche ich vielleicht auch diese Radikalität in der Denke, um disruptive Ideen umsetzen zu können. Da gehört ja fast ein gewisser Fanatismus zu. Wenn ich mir anschaue, was Elon Musk gerade tut: „Alles sagen mir, dass das nicht geht, aber ich mach das jetzt!“ Dass ich den dafür notwendigen Spirit nicht bekomme, wenn ich den ganzen Tag zweifle, ist klar. Ich muss komplett von der Idee und vielleicht auch mir selbst überzeugt sein, um das so durchzuziehen. Es fehlt dann im Silicon Valley an manchen Stellen aber auch ein Bremser. Bei uns sind die eher vorhanden…

Ist Deutschland vielleicht ein guter Standort, gerade weil unsere festen Strukturen und die Stabilität eher innovativ, flexibel und agil zu machen sind?

Ja, das stimmt. Alleine durch die großen Firmen haben wir schon eine sehr gute Infrastruktur. Dass die so sehr bremst, sehe ich eigentlich nicht. Wir sind aber vielleicht in der Lage, die innovativen Kulturen aus dem Silicon Valley bei uns zu implementieren. Man ist hierzulande zwar immer ein paar Jährchen hinten dran, hat dafür aber auch die Version 2.0! Mannheim ist dafür auf jeden Fall kein schlechter Standort.


www.roadads-interactive.de

Interview: Paul Heesch

Fotos: Ricardo Wiesinger

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