Mister Trip

Wie Michael Wurst das Reisen neu erfindet

Michael Wurst versucht die Reiseindustrie umzukrempeln. Mister Trip ist eine Internet-Plattform, auf der Reisende einheimische Experten im Reiseland finden, um mit Ihnen individuelle Wunschreisen zu gestalten. Weil der Kontakt zu lokalen Reiseagenturen im Zielland direkt hergestellt wird, werden Reisebüros und große Touristikanbieter umgangen – und das Reisen wird günstiger. Kann Mister Trip mit diesem Modell etwas schaffen wie Airbnb im Bereich Übernachtung? Wir haben Michael Wurst in Mannheim zum Interview getroffen.

 

Michael, auf Eurer Seite www.mistertrip.de sind uns sofort außergewöhnliche Reiseziele wie Armenien und Usbekistan aufgefallen.

Ja, gerade bislang weniger bereiste Länder sind gerade stark im Kommen, weil sie noch nicht so überlaufen sind. Viele Reisende wünschen sich authentische und einzigartige Erlebnisse – genau diese finden sie dort. Allerdings gab es bislang nur wenige Anbieter, die individuelle Reisen in diese Regionen anbieten konnten. Wir haben es in den letzten Monaten geschafft erstklassige Reiseagenturen vor Ort als Kooperationspartner zu gewinnen, die maßgeschneiderte Traumreisen, zum Beispiel nach Armenien, Georgien und Usbekistan, zusammenstellen. Es war eine Herausforderung die besten Agenturen vor Ort zu finden und die entsprechenden Prozesse aufzusetzen, etwa, wie wir am sichersten und schnellsten die Gelder dorthin überweisen, aber es hat sich gelohnt, unsere Reisenden sind happy!

 

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Wie findet man einheimische Reiseexperten, die die Insider-Tipps liefern?

Meine Mitgründerin Christina Büttner und ich akquirieren unsere lokalen Reiseagenturen vor allem bei der ITB in Berlin, einer der größten Reisemessen der Welt. Dort lernen wir alle Reiseexperten aus den Zielländern persönlich kennen. Die Experten arbeiten für etablierte Reiseagenturen und kennen sich vor Ort extrem gut auskennen, da sie dort aufgewachsen sind oder seit Jahren dort leben. Wir prüfen in einem umfangreichen Zertifizierungsprozess die Qualität der Agenturen. Nur rund 10 bis 15 Prozent der Reiseagenturen schaffen es am Ende auf unsere Online-Plattform, denn wir arbeiten ausschließlich mit Partnern zusammen, bei denen wir wissen: Da steckt erstklassige Qualität dahinter!

Reiseexperten werden auf Eurer Seite mit einem persönlichen Profil-Text vorgestellt. Wie wichtig ist der persönliche Kontakt mit dem Experten für Euer Modell?“

Es geht darum, schon auf unserer Online-Plattform den Reiseexperten kennenzulernen und mir anschauen zu können, welcher Experte am besten zu mir passt und mit wem ich gemeinsam meine Traumreise zusammenstellen möchte. In Ihrem Profil erzählen die Reiseexperten von sich, davon was sie am Reisen lieben und was Ihre ganz persönlichen Reisetipps und Spezialgebiete sind.

 

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Ich buche also eher die Person als die Reise?

Am Ende geht es in erster Linie um die ganz persönliche Traumreise. Gleichzeitig suchen sich viele Reisende aber auch ganz gezielt einen Experten aus, dem Sie vertrauen und von dem Sie sich ihre Reise zusammenstellen lassen wollen. Ziel für uns ist es deshalb auch, nicht nur einen Experten pro Land zu haben, sondern drei oder vier, damit der Reisende sich aussuchen kann, von wem er sein maßgeschneidertes Angebot anfordert und von wem er sich seine Traumreise verwirklichen lassen möchte.

Wie läuft das bei den anderen Anbietern?

Die Wertschöpfungskette im Reisemarkt hat sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. Schon damals gab es Reisebüros, die die Reisen von deutschen Reiseveranstaltern verkaufen, welche die Reisen wiederum von lokalen Reiseagenturen in den Zielländern durchführen lassen. Dann kam die Digitalisierung. Dabei sind einzelne Wertschöpfungsstufen online gegangen. Expedia ist das neue Reisebüro. Die hohe Anzahl an Wertschöpfungsstufen und Zwischenhändlern ist allerdings geblieben, was die Reisen für den Kunden teurer und es schwierig macht, individuell zu reisen.

 

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Was Eure Kunden aber unbedingt wollen?

Genau, viele Reisende wünschen sich eine individuelle Alternative zur Pauschalreise aus dem Katalog. Da sie die gewünschte Reise nicht bei den traditionellen Reiseanbietern bekommen, fangen sie an selbst zu recherchieren, sich ihre Reise selbst zusammenzustellen. Das wiederum bringt einen relativ hohen Rechercheaufwand und viele Unsicherheiten und Risiken mit sich. Ich buche eine Safari nach Uganda oder eine Rundreise durch Tadschikistan, überweise einige Tausend Euro und hoffe, dass dann jemand am Flughafen auf mich wartet, wenn ich lande…

 

Ist Euer Businessmodell mit der Airbnb-Idee vergleichbar?

Airbnb hat Angebot und Nachfrage auf einer Plattform zusammengebracht und damit ebenfalls die Wertschöpfungskette deutlich verkürzt. Der Unterschied zu Mister Trip ist allerdings, dass hinter den Angeboten von Airbnb Privatpersonen stehen und keine professionellen Unternehmen. Wir haben uns ganz bewusst dazu entschieden, nur mit ausgewählten Unternehmen zusammenzuarbeiten, die wir selbst geprüft und zertifiziert haben, um ein hohes Maß an Sicherheit und Qualität garantieren zu können. Die Grundidee ist aber ähnlich: Prozesse zu vereinfachen und Menschen zusammen zu bringen. Du kannst Dich bei uns inspirieren lassen, findest Reiseideen auf unserer Plattform und unsere Experten erstellen dir ein kostenloses und unverbindliches Angebot für deine Traumreise. Im Vergleich zu einer Direktbuchung im Zielland hast du bei uns außerdem den Vorteil, dass die Experten vor Ort deutlich bessere Konditionen bekommen. In vielen Fällen ist es daher sogar günstiger, sich die Reise von einem unserer Experten zusammenstellen zu lassen, als selbst im Zielland zu buchen.

Und ich habe jemanden vor Ort, der wirklich weiß, was die interessantesten Orte sind …

Genau, unsere Experten wissen mehr als jeder Lonely Planet. Sie leben vor Ort und haben die wirklichen Geheimtipps für Dich!

Damit tretet ihr in Konkurrenz zu den Reisebüros.

Jain! Das kommt darauf an, welche Zielgruppe man anschaut. Viele junge Menschen haben noch kein Reisebüro von innen gesehen. Wenn du in einer Uni-Vorlesung fragst, wer in den letzten Jahren im Reisebüro war, dann meldet sich kaum jemand. Unsere ältere Zielgruppe hingegen geht eher noch ins Reisebüro. Viele sind allerdings mit dem Angebot nicht zufrieden, denn der Fokus liegt da auf unflexiblen Pauschalreisen und die Mitarbeiter müssen Reisen in die ganze Welt verkaufen, das ist natürlich schwierig. Du kannst zwar Glück haben, dass der Mitarbeiter zufälligerweise schon mehrfach in Afrika war und dadurch das Land ein wenig kennengelernt hat. Bei der Vielzahl an Destinationen, die im Reisebüro angeboten werden, ist das aber eher die Ausnahme. Da die Personalkosten in den meisten Zielländern geringer sind als in Deutschland, können sich die Experten auch deutlich mehr Zeit für die Beratung und die Ausarbeitung der Reise nehmen. Dadurch, dass wir einige Stufen aus der Wertschöpfungskette herausnehmen, wird ein wesentlicher Teil der Marge frei, so dass am Ende auch mehr bei den lokalen Reiseagenturen im Zielland ankommt und die Reisenden gleichzeitig von den günstigen Direktpreisen profitieren.

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Schafft Ihr mit Mister Trip mehr Gerechtigkeit im Reisegeschäft?

Nachhaltigkeit ist für uns und viele unserer Reisenden ein wichtiges Thema. Wir wollen erreichen, dass mehr bei den lokalen Unternehmen und Experten vor Ort ankommt. Gleichzeitig unterstützen wir auch soziale Projekte in den Zielländern. Letztes Jahr haben wir zum Beispiel, gemeinsam mit dem Mannheimer Verein dobetter e.V., Schulranzen für ein Kinderheim in Indien gestiftet. Als soziales Startup würde ich uns deshalb aber nicht bezeichnen. Wir sind ganz klar wachstumsorientiert – auch wenn wir daneben Gutes tun wollen. Das Schöne ist, dass Mister Trip beides ermöglicht.

 

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Wie entstand eigentlich die Idee zu Mister Trip?

Ich habe BWL mit Schwerpunkt Entrepreneurship studiert und war während des Studiums zwei Semester im Ausland, in Sydney und Singapur. In der Zeit bin ich viel gereist und habe mich mit dem „Reisefieber“ angesteckt. Ich liebe es fremde Länder und Kulturen kennenzulernen! Nach meinem Studium bin ich bei der damaligen T-Online International AG eingestiegen und habe dort fast zehn Jahre im Corporate Development und Innovationsbereich gearbeitet. Zuletzt war ich direkt für den Innovationsvorstand tätig. In der Zeit haben wir viel mit Startups und innovativen Unternehmen zusammengearbeitet. Eines Abends saß ich mit meiner Mitgründerin Christina Büttner zusammen und wir haben uns über den Reisemarkt unterhalten. Sie kommt selbst aus dem Tourismus und ich habe meine Erfahrungen aus dem Internetbereich eingebracht. Im Laufe der Gespräche wurde es immer klarer: Die Wertschöpfungskette in der Touristik ist veraltet und wir können mit Hilfe moderner Technologien eine neue Art zu reisen erschaffen. Das war der Start von Mister Trip!

 

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Ging also mehr ums Gründen an sich, als um die Idee?

Es ging um beides: Mich hat die Idee fasziniert, da ich das enorme Potential im Markt gesehen habe und ich bin ein großer Fan des Startup-Mindsets: schnell und agil sein, einfach machen! Nach zehn Jahren im Konzern war es an der Zeit den großen Tanker zu verlassen und auf das kleine Schnellboot zu wechseln. Ende 2014 bin ich aus der Telekom raus und 2015 haben wir begonnen Mister Trip aufzubauen. Natürlich haben wir uns vorher schon intensiv mit der Idee auseinandergesetzt, um das Projekt auf seine Machbarkeit zu testen, um mit potentiellen Agenturen und Kunden zu reden, den Bedarf zu checken.

 

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Wenn aber bei euch der persönliche Kontakt zu den Agenturen so wichtig ist, dann ist es nicht einfach zu skalieren oder?

Doch, gerade weil wir eine Online-Plattform sind, ist das so gut möglich. Die Prozesse auf unserer Seite können vollständig automatisiert werden, da die Beratung der Reisenden durch die Experten in den Zielländern erfolgt. Wenn wir die Anzahl der Anfragen steigern, dann können die lokalen Reiseagenturen zusätzliche Experten einstellen, was in einigen Ländern auch bereits der Fall ist. Außerdem haben wir jederzeit die Möglichkeit zusätzliche Agenturen auf unserer Seite aufzunehmen. Wir bekommen täglich Anfragen von Agenturen, die Ihre Reisen gerne über Mister Trip anbieten würden. Mittlerweile haben wir über 500 Agenturen geprüft, uns aber bislang auf jene beschränkt die auch auf Deutsch beraten können. Das ist für uns für den deutschsprachigen Kundenmarkt eine der Voraussetzungen. Natürlich waren aber auch viele der englischsprachigen Agenturen top! Auf diese Agenturen können wir bei der Internationalisierung natürlich zurückgreifen.

Und nach Mistertrip.de kommt dann die Internationalisierung?

Zunächst gilt es jetzt in Deutschland, Österreich und der Schweiz bekannt zu werden. Das ist unser Fokus für 2017. Parallel arbeiten wir an der englischen Version unserer Online-Plattform. Diese wird 2018 das Licht der Welt erblicken. Lasst Euch überraschen!


www.mistertrip.de

Interview: Paul Heesch

Fotos: Ricardo Wiesinger

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