ELASPIX

Neuronen, Evolution, 3D und künstliche Intelligenz

Tobias Günther ist Geek, Informatik-Professor an der DHBW Mannheim und Gründer von Elaspix, einem ganz schön erfolgreichen Internet 3D-Konfigurator. Nebenher spielt Tobias ziemlich gut Tischtennis, hat den Mannheimer Wasserturm 3D-gedruckt und kann Panzer fahren. Wir sprachen mit ihm über Star Wars, Mannheim, Evolution und künstliche Intelligenz.

 

Hallo Tobias Günther! Du sitzt mit deiner Firma Elaspix also im Gründungszentrum Mafinex. Zufall oder Punktlandung?

Ich bin in Burg bei Magdeburg aufgewachsen, habe dort leidenschaftlich Fußball gespielt und mich zum Computer-Nerd entwickelt. Vielleicht weil mein Vater ein Major der Nationalen Volkarmee der DDR war, kam ich auf die Idee, nach der Schule zur Bundeswehr zu gehen. Über Alternativen wie den Zivildienst habe ich gar nicht nachgedacht, da war ich noch zu obrigkeitshörig.

 

 

Wo warst Du denn stationiert?

Bei Bremen. Und das war dann auch gar nicht so schlecht, weil sie mich schnell als Panzerfahrer eingesetzt haben! Ich war verantwortlich für einen Marder-Schützenpanzer und musste diesen auch selbst warten und reparieren, was eigentlich gut zu meinem technischen Interesse passte.

Und danach ging es zurück nach Magdeburg?

Ja, genau, dort habe ich Informatik studiert und meine Schwerpunkte waren Robotik und Künstliche Intelligenz – was mich als Star Trek-Fan natürlich total begeistert hat. Wir haben damals schon Fußball spielende Roboter entwickelt und so. Plötzlich ist dann auch das öffentliche Interesse an den Themen, die mich interessierten gestiegen, was ich natürlich super fand. Mein Pflichtpraktikum habe ich dann 2002 bei Fraunhofer in Bonn gemacht und dort auch 2004 meine Diplomarbeit geschrieben. Eine sehr gute Vorbereitung auf alles, was danach kam.

 

 

Deine Promotion zum Beispiel? Ich gehe mal das Risiko ein und frage: Was genau war das Thema?

Datamining in Diagnostik Charts.

Ah ja … alles klar!

Diese Doktorarbeit habe ich an der medizinischen Fakultät in Magdeburg geschrieben. Es ging um Neurowissenschaft.  Wir haben untersucht, wie das Gehirn visuelle Reize verarbeitet, also sehen kann. Das hatte ich ja schon gemacht, als wir den Robotern das Fußballspielen beigebracht haben, die mussten ja auch das Spielfeld erkennen. Wir haben Versuchspersonen visuellen Reizen ausgesetzt und ihre Reaktionen gemessen. Meine Aufgabe war es, die erhobenen Daten zu interpretieren und Therapieempfehlungen zu geben. Es ging dabei aber auch um künstliche Intelligenz.

Die heute in vielen Geräten verbaut ist …

Ja, aber man hat ein bisschen Angst davor, weil man an Terminator und Co. denkt – also daran, dass die Maschinen uns unterwerfen.

Als wäre das noch nicht der Fall?

Naja, wir können die Maschinen immer noch ausschalten. Aber nur bedingt würde ich sagen, weil wir als Menschen extrem systemabhängig sind. Unsere biologische Entwicklung ist vor 100.000 Jahren stehen geblieben. Wir sind Steinzeitmenschen in einer hyperkomplexen Welt, die in der Illusion leben, wir würden noch am Hebel sitzen. Vor 200.000 Jahren haben wir gedacht, wir könnten mit Tanzen Vulkanausbrüche beeinflussen, und heute denken wir, wir könnten die Computer abschalten! Das stimmt aber nicht ganz. Der Mensch kann sich auf zwei Arten anpassen. Erstens seine Software, also sein Denken – da ist man noch recht anpassbar, da ist die Menschheit weiterhin in der Entwicklung. Aber auch bei der Hardware gibt es durchaus Entwicklungspotenzial. Die Evolution hat nie aufgehört, unser Gehirn ist vom Volumen und den Verknüpfungen seit 20.000 Jahren konstant. Aber einige Stämme in Afrika haben eine Resistenz gegen Malaria entwickelt, weil der Evolutionsdruck in bestimmten Regionen wegen der Krankheit so groß ist. Aber das Gehirn zum Beispiel könnte wegen der Begrenzung des Geburtskanals nicht unendlich weiter wachsen.

 

 

Also ab in die Petri-Schale?

Tja, das ginge wohl. Aber schon jetzt ist die Energiebilanz des Menschen extrem. Ein noch genialeres, größeres Gehirn würde bedingen, dass wir nur noch essen müssten den ganzen Tag.

Ok, dann in die Matrix, statt in die Petri-Schale? Was aber ja auch angstbelegt ist.

Ja, die Angst kommt daher, dass eine komplette Kopie von dir gemacht werden könnte. Der Mensch ist aber gerne einzigartig! Außerdem hat man durch seinen physischen Körper Emotionen, Sinneseindrücke, das Essen einer Lieblingsspeise etwa. Das ist so ein krasser Antrieb in der menschlichen Psyche, das ist viel, viel stärker als der bloße Wille, den der Mensch selber aufbringen kann.

 

 

Und wenn ich diesen Input simulieren würde?

Also wenn du einen elektronischen Körper hättest, der diesen Input liefert, hättest du dich ja nicht von deinem Körper verabschiedet.

Ja, ok, der könnte aber 10 Meter hoch springen!

Es kann auch durchaus sein, dass man sich mit Implantaten und Co. zu verbessern sucht.  Aber eigentlich sind wir ja mit unseren Smartphones längst so weit. Ob das außerhalb oder innerhalb unseres Körpers liegt, ist ja eigentlich egal. Wir funktionieren ja schon wie eine Einheit. Was ich da sehr spannend finde ist, dass wir heute schon wissen, wie ein einzelnes Neuron funktioniert. Aber wir wissen nicht, wie diese 100 Milliarden zusammen funktionieren. Wenn wir das verstehen, können wir eine künstliche Intelligenz bauen, die dem Menschen ebenbürtig ist.

Dann wird es spannend.

Ja, weil wir diese Künstliche Intelligenz dann verbessern können und sie dann mehr Denkleistung hätte als wir heute. Damit könnten wir Probleme lösen, die wir heute nicht lösen können. Oder Probleme schaffen, die wir noch nicht kannten … Wenn Du verstehst, wie diese Neuronen zusammenarbeiten und Du ein einzelnes Neuron nachbauen und sein Aktivitätsverhalten messen kannst, dann kannst Du in Deinem biologischen Kopf ein Neuron durch ein künstliches austauschen. Das hat dann die gleichen Eigenschaften wie dein biologisches Neuron, dein Verhalten hat sich aber nicht geändert. Wenn du das dann für alle Neuronen machst, dann bist du plötzlich unsterblich, aber noch die gleiche Person.

Wir müssen mal zurück zum Thema kommen. Wie hat es Dich denn nach deinem Aufenthalt in Bonn nach Mannheim verschlagen?

Meine Partnerin hatte ein Job in Weinheim und ich habe mich später in Bonn beworben. Deshalb sind wir dann 2008 nach Mannheim gezogen –  zunächst nur wegen der guten Zuganbindung, aber dann hat uns die Stadt gut gefallen.

 

 

Was gefällt Dir an Mannheim?

Naja, für mich ist Mannheim das absolute Eldorado – es gab und gibt interessante Hochschulen, Forschung und Lehre sind hier super! Die Beratung durch die Stadt war damals schon sehr hilfreich und man konnte sich sofort leicht vernetzen. Ich habe dann angefangen an Hochschule und DHBW Kurse zu geben und mich damit finanziert. Irgendwann hatte ich dann so viele Kurse, dass die DHBW mich zum Professor machte.

Und nebenher hast Du Dein Startup Elaspix gegründet?

Ja, das war am 1.1.2009. Wir haben zunächst versucht, Personen aus Fotografien herauszuschneiden und sie dann zu animieren, was aber nicht erfolgreich war. Ab 2012 haben wir Animationsfilme, also Produktvideos gemacht, hatten da aber zu wenig Ahnung von. Nach diesen zwei Pivots haben wir dann angefangen 3-D-Modelle im Bereich der Mass-Configuration zu programmieren.

 

 

Also zum Beispiel für Produktkonfiguratoren auf den Startseiten von Autoherstellern?

Genau, das werden bei den vielen verschiedenen Ausstattungsvarianten, Farben und so weiter schnell mal 10.000 verschiedene Modellvarianten! Das können wir mittlerweile richtig gut und haben auch genug Kunden, weil sich herausgestellt hat, dass diese Produktkonfiguratoren für mehr Umsatz sorgen. Die Leute wollen einfach wissen, was sie bekommen, bevor sie eine Kaufentscheidung fällen.

Du machst aber nicht nur virtuelle Produktfotos, sondern bist auch begeisterter 3-D-Drucker?

Ja, wir haben zum Beispiel vor kurzem den Mannheimer Wasserturm gedruckt. Mich interessiert der 3-D-Druck aber nicht nur als Spielerei. Im Moment wird der Gewinn mit 3-D-Druckern durch den Verkauf der Drucker generiert. Aber was ist mit den Anwendungen? Da gibt es bisher fast nichts. Wir beginnen jetzt gerade damit, Medaillen zu drucken, die man vorher anpassen und dann bestellen kann.

Tobias, alles sehr spannend – wir werden dieses Gespräch fortsetzen.

 

 


Interview: Paul Heesch / LA.MAG Content. Corporate. Communication.

Fotos: Ricardo Wiesinger

www.elaspix.de

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