COSMOPOP

Eine gut geölte Maschine – und die Wahrheit auf dem Dancefloor

Wenn am 1. April die Time Warp wieder mehr als 15.000 Fans elektronischer Musik nach Mannheim zieht, ist das für Steffen Charles und Robin Ebinger business as usual: ihr Unternehmen Cosmopop haben sie zu einer weltweit führenden Eventagentur entwickelt. Ein Gespräch über die Liebe zur Musik – und das Gründen in Prä-Internetzeiten.

 

Seit 20 Jahren veranstaltet Ihr nun schon das Time Warp Festival, und Cosmopop ist eine State ot the Art-Agentur im Bereich elektronischer Musik geworden. Was treibt Euch an? 

Robin Ebinger: Ich habe mich schon früh mit dem Virus elektronischer Musik infiziert. Die Faszination kommt vom Erleben legendärer Partyzeiten – wie Anfang der 90er Jahre im Mannheimer Milk-Club. Elektronische Musik war neu, hatte für uns eine mystische Underground-Aura und kam in den Medien nicht vor – was sie um so spannender machte.

Steffen Charles: 1991 habe ich in Sven Väths Frankfurter Omen zum ersten Mal Techno erlebt – und das ist bis heute ein unvergesslicher Moment für mich. Ein Freund von mir, Marco Bauer, besser bekannt als DJ Marc Bean, hat mich zu Parties mitgeschleppt und auch in die damals sehr lebendige Mannheimer Clubszene. Da gab es Clubs, die immer voll waren, wie das Jardin, das Koko, das Ricks, das Ugal – und natürlich das Tiffany. Speziell elektronische Musik hat mich fasziniert und ich wollte unbedingt selbst auflegen. Da ich aber leider die Beats nicht richtig mixen konnte und ich den Leuten so auf die Nerven ging, dass sie Aschenbecher nach mir warfen, habe ich beschlossen lieber den Plattenladen Goa Records zu eröffnen.

Gab es damals schon den Gedanken, eine Eventagentur zu gründen?

Robin Ebinger: Ich stand damals vor allem auf Breakbeat, Jungle und Happy Hardcore, und in mir keimte der Wunsch eigene Parties zu veranstalten – auch um mein Anglistik-Studium zu finanzieren. 1993 wollte ich dann einen eigenen Truck auf der Love Parade in Berlin organisieren – aber das ist gescheitert. Immerhin wurde es dann noch ein Bus mit 50 Leuten, das war für mich schon ein Erfolg.

Steffen Charles: Um meinen Plattenladen zu bewerben, habe ich Parties veranstaltet. Ich hatte das Glück, dass Techno damals gerade zu boomen begann. Als ich mit meinem damaligen Partner Michael Hock die erste Time Warp am 26.1.94 in der Ludwigshafener Walzmühle realisiert habe, kamen plötzlich mehrere tausend Leute. Aber für uns war die Time Warp keine Massenveranstaltung mit beliebiger Musik. Wir hatten schon damals das Gefühl, das früher alles besser war und gestalteten sie wie einen kleinen Club im Großformat – mit Künstlern, die damals schon Kult-Status hatten: wie Speedy J, dessen Live-Auftritt das Highlight war.

 

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Robin, Du hast in den 90er Jahren noch auf eigene Faust veranstaltet und parallel zum Studium eine GmbH gegründet. Warum?

Robin Ebinger: Events zu veranstalten ist immer ein Risiko, deshalb wollte ich mit meinem damaligen Geschäftspartner Olaf Lörz eine Absicherung. Bei der Gründung hat uns dann keiner geholfen, wir haben uns selbst beraten. Alles war damals sehr schwer zu recherchieren, das Internet gab es ja noch nicht! Also haben wir uns umgehört und ich habe über einen Bekannten einen Steuerberater aufgetrieben und dann hat es noch volle sechs Monate gedauert, weil eine GmbH-Gründung damals noch eine komplizierte Sache war.

 

Steffen Charles

 

Wie kam es zur Gründung der Cosmopop GmbH?

Steffen Charles: Ich denke, dass ich Robin 1992 erstmals begegnet bin – auf irgendeiner Mannheimer Party. Richtig kennengelernt haben wir uns dann beim Vision-Rave 1995 auf einem Schweizer Gletscher – da waren übrigens auch Mannheimer, die heute immer noch bei der Time Warp auflegen wie Sebastian Dresel aka Seebase. Da Robin bei den Time Warp-Events später auch als freier Mitarbeiter aktiv war, fragte ich ihn – fast zehn Jahre später – ob er mir helfen könnte, für die Bundeszentrale für die politische Bildung eine Rauchfrei-Kampagne zu konzeptionieren, die bei der Time Warp eingesetzt werden sollte. Das war sein Einstieg bei Cosmopop.

Robin Ebinger: Nach meinem Studienabschluss in Anglistik war ich voll motiviert. Im Studium habe ich Kulturtechniken und analytisches Denken und Arbeiten erlernt, was für gutes Kulturmanagement sehr wichtig ist. Ich bin dann fast wissenschaftlich an die ersten Themen bei Cosmopop rangegangen und habe neue Sponsorenkonzepte entwickelt. Plötzlich habe ich bemerkt: jetzt bin ich wieder voll drin.

Steffen, zum Zeitpunkt der Gründung hattest Du auch schon Niederlagen hinter Dir. Wie bist Du mit dem Scheitern umgegangen und was gab Dir die Kraft durchstarten?

Steffen Charles: Zu Beginn wusste ich nicht, wo die Reise beruflich hingehen sollte, aber ich merkte, dass ich ein Gespür dafür habe, wie Leute Musik erleben wollen. Vor der Gründung der Cosmopop Gmbh gab es Erfolge, aber auch harte Einbrüche. Finanziell ging es immer rauf und runter und wir mussten von Event zu Event denken. Im Jahr 2000 und 2001 waren wir zum ersten mal ausverkauft in der Maimarkthalle, von 2002-2003 haben sich dann die Gäste halbiert, 2004 hatten wir dann unser 10 jähriges Jubiläum, das gab uns die Kraft, Ende 2003 Cosmopop zu gründen und weiter zu machen.

Seitdem geht es ständig nach oben. Habt Ihr aus früheren Fehlern gelernt?

Robin Ebinger: Unsere DNA ist die Leidenschaft für elektronische Musik. Wir kommen vom Dancefloor, das ist der Treiber, um neue Dinge zu entdecken. Das – im Mix mit dem Trial & Error-Prinzip und einem gesunden Selbstbewusstsein – ist typisch für Cosmopop. 2004 haben wir gesagt: wenn diese Time Warp nichts wird, hören wir auf. Aber sie ist zu einem Erfolg geworden, weil die DJ-Szene in den letzten beiden Jahrzehnten immer größer und erfolgreicher geworden ist, Dazu kommt, dass wir als Überzeugungstäter konsequent problemlösungsorientiert sind. Heute arbeiten wir sogar vorausschauend an der Lösung von Problemen, die noch gar nicht sichtbar ist. Und klar: wir versuchen aus Fehlern zu lernen, versuchen Flops zu vermeiden und uns auf gute Sachen zu fokussieren.

 

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Gerade feiert die Time Warp das 20-jährige Jubiläum. Wie hält man so ein traditionsreiches Format frisch für die Zukunft?

Steffen Charles: Musikalisch gab es bei der Time Warp immer neue Impulse mit neuen Künstlern und neuen Sounds. Unser Anspruch war es schon immer, mehr zu bieten als andere, deshalb haben wir auch immer viel Geld in Technik investiert, um das Erlebnis von Sound und Visuals auf ein einzigartiges Level zu heben. Und wir fragen uns permanent: was können wir noch weiter verbessern für ein perfektes Erlebnis mit bestem Sound, bester Organisation für Künstler und bestem Service für die Gäste. Heute können wir sagen: wir sind State of the Art. Wir sind der Industriestandard und wir sind Trendsetter – und die anderen checken, was wir machen.

Cosmopop ist parallel mit der Digitalisierung gewachsen. Wie hast sich Euer Marketing im Lauf der Zeit entwickelt?

Robin Ebinger: Es gab bei uns zwei Digitalisierungswellen. Die erste startete vor rund 15 Jahren: mit einer Webseite und einem Newsletter. Steffen fragt seitdem alle zwei Jahre: warum brauchen wir schon wieder eine neue Webseite? Ich antworte dann nur: es ist halt alles evolutionär. Die zweite Digitalisierung-Welle kam dann mit dem Thema Social Media. Wir haben 2008 sehr früh mit Facebook-Marketing begonnen und heute haben wir über 500.000 Follower. Ich habe schnell bemerkt, dass wir mit diesem Kanal  potentielle Fans identifizieren und mit unseren Leuten sehr direkt kommunizieren können.

 

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Ist Facebook-Marketing heute ausreichend für zeitgemäßes Marketing?

Robin Ebinger: Momentan sagen ja viele, Facebook sei ein Auslaufmodell, aber ich kann das nicht bestätigen. Faktisch vermarkten und verkaufen wir heute die Time Warp-Tickets vorrangig über diesen Kanal. Facebook bleibt vorerst das Top-Medium und mit gezieltem Content Marketing bieten wir den Leuten ganzjährig Schulterblicke in unsere Arbeit. Dennoch ist eine gewisse Vorsicht wichtig, um rechtzeitig neue digitale Trends zu erkennen und dann entsprechend zu reagieren.

Wie wird die Time Warp in 10 Jahren sein?

Robin Ebinger: Wir wechseln das Programm nur maßvoll. Wir setzen auf Evolution, nicht auf Revolution. Wir bringen früh große Talente mit Potenzial wie im Jahr 2000 Ricardo Villalobos, als ihn noch kein Mensch kannte und in den letzten Jahren DJs wie Dixon, Troxler, Jamie Jones, Joseph Capriati oder Nina Kraviz. Inzwischen haben wir so viele feste DJ-Größen im Line-Up, dass wir immer größer werden: momentan sind es sechs Floors und hoffentlich bald sieben. Techno kommt immer noch von Technologie. Die Musik bleibt frisch und Leute wie Carl Cox oder Sven Väth haben immer noch ihre Relevanz und erreichen junge Leute.

Cosmopop ist heute aber mehr als nur der Time Warp-Veranstalter. Was ist Euer Geschäftsmodell?

Robin Ebinger: Cosmopop kann mit seinen rund 20 festangestellten Mitarbeitern nicht allein von der Time Warp leben, deshalb wir haben im Lauf der Zeit zahlreiche andere Veranstaltungsmarken neu aufgebaut oder weiterentwickelt wie den Love Family Park, das kroatische Sonus Festival und das Stuttgart Electronic Music Festival. Zudem sind wir Mitbetreiber des Loft-Clubs in Ludwigshafen, des Zimmers in Mannheim und des Hafen 49 im Mannheimer Jungbusch.

Was ist Euer Konzept für die Zukunft?

Steffen Charles: Wir sind und bleiben Underground!

Wie wichtig ist Mannheim für Cosmopop?  

Robin Ebinger: Hier sind unsere Wurzeln, hier haben wir wichtige Locations aufgebaut wie den Hafen 49, um den uns jede andere deutsche Stadt beneidet. Inzwischen kommen die Leute auch aus dem Ausland, um hier im Mannheimer Jungbusch zu feiern.

Steffen Charles: Das Gründungszentrum Musikpark ist für uns ein guter Standort und die Stadt bietet ein sehr gutes Umfeld. Wir spüren auch den Mannheimer Gründer-Spirit, aber man müsste noch mehr draus machen. Wir wären zur Zeit der Gründung für Unterstützung beim Start sehr dankbar gewesen.

Ihr seid in einem sehr spezialisierten Bereich unterwegs. Ist es schwer gutes Personal zu finden?

Steffen Charles: In Berlin wäre es wahrscheinlich leichter, gutes Personal zu finden. Aber gerade die Jüngeren sind happy nach Mannheim zu kommen, weil sich gerade alles ziemlich dynamisch entwickelt, Das Image war früher schlecht, heute ist es neutral – die Leute lassen sich überraschen.

Robin Ebinger: Und dann erleben die meisten Leute halt den typischen Mannheim-Effekt: Du weinst wenn Du kommst – und wenn Du gehst.

 

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Interview: Ralf Laubscher / LA.MAG

Fotos: Daniel Lukac


www.cosmopop.biz

www.time-warp.de

www.musikpark-mannheim.de

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