Honeycamp

Made in Mannheim – für Manufakturen

Keine Zeitgeisterscheinung, sondern ein echter Wandel: Überall in Deutschland entdeckt eine neue kreative Klasse das Handwerk neu, stellt in urbanen Manufakturen wertige, handgemachte Produkte her. Das Honeycamp auf dem Mannheimer Taylor-Areal will Arbeitsumgebung und Community zugleich für moderne Handarbeiter sein. Cocrafting nennen die Gründer, Joachim Walter und Claus Fischer, das Prinzip. Ein Gespräch über die Initialzündung zum Projekt – und wie es kreative Handarbeiter weiterbringen kann.

 

Coworking ist längst ein Begriff. Bei Euch dreht sich alles um das Prinzip Cocrafting. Was ist das genau?

Joachim: Uns ist aufgefallen, dass es viele Kreative gibt, die mit Hingabe und viel Liebe zum Detail wertige Dinge schaffen. Aber in der Regel arbeiten sie ziemlich isoliert vor sich hin – und sind gezwungenermaßen Einzelkämpfer. Wir wollen dem eine neue Arbeitskultur entgegensetzen. Das Honeycamp bringt Menschen zusammen, die handgemachte Produkte in Gemeinschaft schaffen wollen, die sich eben bewusst als Part einer Community verstehen. So ein Konzept und Angebot gibt es in Deutschland bislang nicht.

 

Claus Fischer und Joachim Walter, die Köpfe hinter Honeycamp.

 

Bitte einmal ganz konkret: Wer wird im Honeycamp zusammenarbeiten?

Claus: Im Honeycamp trifft man die Kaffeerösterin ebenso wie den Maßschuhmacher oder den Betreiber einer Fahrradmanufaktur. Sie arbeiten Seite an Seite, tauschen sich aus, bringen sich weiter – und gehen, wenn es passt, auch kreative Kooperationen ein.

Der Sattler und die Schneiderin entwerfen und fertigen zum Beispiel zusammen neue Produkte, wie handgemachte Taschen aus Leder. Auch der Tischler und der Edelstahlschlosser können gemeinsam mehr erreichen und vielleicht Küchenmöbel herstellen, die es so noch nicht auf dem Markt gibt.

 

 

Es ist deutlich geworden, wie sich die Community eigeninitiativ zusammenfinden kann. Aber wie unterstützt Ihr das Networking?

Claus: Dafür möchte ich etwas weiter ausholen und zunächst beschreiben, wie das Honeycamp architektonisch aussehen wird. Man kann es sich so vorstellen: Zwei Vollholzgebäude, die sich gegenüberstehen, darin sind dann 62 Ateliers und Werkstätten angeordnet, die auf zwei Etagen je 110 Quadratmeter Arbeitsfläche bieten. Die gesamte Community trifft sich im Magazin – so nennen wir die Café-Lounge, die das Herzstück des Honeycamps sein wird.

Joachim: Tagsüber können die Honeycamper dort frühstücken oder die Mittags- oder Kaffeepause gemeinsam verbringen. An ausgewählten Abenden kommt im Magazin die gesamte Community zusammen, denn wir werden unter anderem Events und Workshops anbieten, die gute Anlässe zum Netzwerken sind.

Und Ihr beide schult dann um auf Community-Manager?

Claus: (lacht) Nein, wir brauchen dann sicherlich einen. Seine Aufgabe wird es sein, die Honeycamper zusammenzuführen, die Gemeinschaft zu beleben oder die erwähnten Events und Workshops zu organisieren.

Wie sieht für Euch die perfekte Community aus?

Claus: Perfekt zufrieden! Wir wollen, dass die Honeycamper sich wohlfühlen und sich auf ihre Arbeit fokussieren können, dass sie sich Unterstützung bei uns und ihren Cocraftern holen, wenn sie welche brauchen.

Joachim: Und der Mix muss stimmen. Einen Tischler in der Community zu haben, macht zum Beispiel Sinn – zwanzig Tischler aber nicht.

Claus: Wir sind aber auch gespannt, was auf uns zukommt – eine Cocrafting-Community hat ja noch niemand aufgebaut. Wir sind auch schon im Gespräch mit einigen Leuten, die bei uns einziehen wollen, daraus soll die Community entstehen. Wir wollen nach dem BottomupPrinzip verfahren und die Leute selbst entscheiden lassen, mit wem sie zusammenarbeiten wollen. Die Community soll aus sich heraus wachsen.

Joachim: Spannend ist auch, dass Branchen anfragen, an die wir gar nicht gedacht haben, zum Beispiel aus der Medien- oder der Textilszene. Auch Marketing- und Werbeagenturen fragen an. Diese ergänzen dann natürlich das Handwerk, welches das Herzstück des Honeycamps ist.

Claus: Was wir leider nicht haben, ist: viel Lagerfläche. Die zweigeschossigen Ateliers und Werkstätten bieten unten 4,80 Meter hohe Räume und oben Räume mit maximal 3,20 Meter Höhe für Büros oder Lagermagazine.

 

 

Okay, die Kriterien für Eure Mieter sind also: Unter der Woche vor Ort arbeiten, offen sein für die Community und bereit sein, sich einzubringen …

Claus: … und das Konzept verstehen, das ist das Wichtigste! Du musst selbst mitgestalten wollen und verstehen, wie du durch Kooperation weiterkommst. Viele haben das auch im Hinterkopf, müssen es sich aber wieder bewusst machen.

Joachim: Eine Hürde kann vielleicht der Umzug mit der eigenen Firma sein. Aber wir nehmen durch unsere Infrastruktur nach dem Umzug viel Arbeit ab. Es lohnt sich also.

Mit Standard-Projekten könntet Ihr ja viel mehr Geld verdienen. Was bewegt Euch?

Joachim: Sicher, wir machen das auch nicht aus purem Altruismus. Die Entwicklung der Marke ist zum Beispiel wichtig – und wir sind einfach total von dem Projekt fasziniert. Der Markt verändert sich ja am laufenden Band. Jetzt kommt zum Beispiel ein Teil der Produktion aus Asien zu uns zurück, weil die Individualisierung von Produkten wichtiger wird. Da können wir mit dem Honeycamp einen echten Mehrwert schaffen.

 

 

Ihr wendet Euch aber nicht nur an Gründer?

Joachim: Nein, die sind natürlich willkommen, und wir wollen auch so eine Art Stipendium schaffen, für Talente, die gut zur Community passen, aber wir richten uns auch an etablierte Firmen und sind damit eine Ergänzung zum Startup-Ökosystem der Stadt.

Bleiben wir gleich beim Thema Öko: Was habt Ihr da geplant?

Joachim: Wir wollen Vorreiter in der E-Mobilität werden. Jeder Mieter bekommt einen eigenen Ladepunkt – das hat einen Mieter schon zu der Überlegung gebracht, sich einen E-Sprinter anzuschaffen. Wir prüfen außerdem die Solarversorgung, um einen Großteil des Strombedarfs darüber abdecken zu können. Und als besonderes Special werden wir Bienenstöcke haben, die von einem Imker betrieben werden. Damit wollen wir den Stadtbienen mehr Lebensraum zur Verfügung stellen.

Und wann geht es los?

Claus: Wir wollen im September loslegen! Zumindest die Opening-Party soll dann steigen.

Wie lief die Zusammenarbeit mit der Stadt Mannheim?

Claus: Wir sind zur Wirtschaftsförderung gegangen und haben dort – und ganz besonders bei der MWSP, dem Konversions-Management – sehr offene Türen vorgefunden, obwohl unser Konzept ja neu und ungewöhnlich ist.

Woran habt Ihr gemerkt, dass der Markt reif für Cocrafting ist?

Joachim: Wir realisieren ja schon länger Projekte miteinander. Und wir haben gemerkt, dass die Anfragen andere werden. Es sagt keiner mehr: „Ich möchte bitte 200 Quadratmeter Bürofläche“ oder: „Ich will eine Halle.“ Es werden viel flexiblere Konzepte gesucht. Da aber niemand bereit ist, unter einem 10-Jahresvertrag irgendetwas anzubieten, gibt es so etwas kaum. Diese Lücke wollen wir füllen. Dabei bieten wir große Flexibilität in vielen Bereichen: Jeder Nutzer kann sein Arbeitsumfeld individuell gestalten und profitiert von kurzen Mietverträgen.

Claus: Das ganze Projekt muss dafür extrem wirtschaftlich sein. Wir haben es anderthalb Jahre immer wieder neu aufgerollt, noch einmal durchdacht und dann noch einmal. Am Ende haben wir es geschafft, die Baukosten massiv zu reduzieren. Gleichzeitig bauen wir ökologisch aus Holz und mit viel Atmosphäre!

 

 

Weil Holz so günstig ist?

Claus: Leider ganz im Gegenteil! Holz ist ein sehr teurer Baustoff. Mit Alternativen wären wir günstiger gefahren. Aber der Geruch und die Atmosphäre sind super und auch die Wandelbarkeit: Nagel in die Wand, später wieder raus, keine große Spuren: Das geht mit keinem anderen Werkstoff.

Was für Ideen habt Ihr noch für die Zukunft?

Claus: Wir wollen skalieren und das Modell Honeycamp auch in anderen Städten umsetzen, die auch schon bei uns anfragen. Die haben mitbekommen, dass hier in Mannheim etwas gebaut wird, was ein klassischer Investor nicht bauen würde, weil es dem immer vorrangig um Bonität und Rentabilität geht.

Joachim: Wir suchen nach Städten wie Mannheim, die also eine große Gründerszene und eine technische Hochschule haben. Zu solchen Städten passt ein Honeycamp ideal.

 

 

Was fasziniert Euch so an der Idee Honeycamp?

Joachim: Was es besonders macht, ist, dass wir vor kurzem noch über die Machbarkeit gesprochen haben und jetzt 110 Quadratmeter für 760 Euro vermieten können! Großartig war aber auch der Entwicklungsprozess hin zu einem Produkt, zu einer Marke. Die Leute kommen mittlerweile wegen des Produktes und wegen der Community auf uns zu – und nicht, weil wir Gewerbefläche anbieten.

Community also ist der Schlüssel. Wie fühlt sie sich an?

Claus: Schwer zu erklären, das muss man eigentlich erleben. Es geht um die Begeisterung mit anderen Menschen, kreativ zusammenzuarbeiten, Dinge zu tun und herstellen zu können, die man als Einzelkämpfer nicht umsetzen könnte. Man entwickelt sich zusammen. Es ist nicht einfach, diese Idee zu kommunizieren. Das ist in den nächsten Monaten unsere Aufgabe.

 

 


Interview: Paul Heesch / LA.MAG

Fotos: Sebastian Weindel

www.honeycamp.de




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