Die Socken-Rakete

5 Jahre bunte Socken: das Mannheimer Label von Jungfeld startet durch

Das Mannheimer Startup von Jungfeld hat vor fünf Jahren die Socke neu erfunden. Seit dem Start im Gründungszentrum C-HUB entwickelte sich von Jungfeld zu einer Kultmarke mit 15 Mitarbeitern und prominenten Investoren wie Joko Winterscheidt. Im schicken neuen Büroloft in den Mannheimer Turley Barracks zünden Maria Pentschev und Lucas Pulkert gerade die nächste Rakete. Ein Gespräch über eine Mannheimer Erfolgsgeschichte, bunte Socken, neue Ideen – und warum man manchmal besser ‘ne Runde schläft, als immer alles selber zu machen …

 

Es gibt die Wandersage, dass Eure Socken-Idee bei der Gründung nur der Plan C war. Und trotzdem konntet ihr als Team den Mannheimer Investor Matthias Storch überzeugen?

Maria Pentschev: Ja, Lucas und ich hatten uns gerade kennengelernt und im Mannheimer Jungbusch Events veranstaltet. Lucas organisierte und ich buchte die Bands dazu. Wir merkten, dass wir gut zusammenpassen und haben mehrere Projektideen entwickelt. Wir dachten damals, es müsste unbedingt eine App sein und haben bei einem Business-Angel-Kongress in Mannheim das erste Mal gepitcht. Dort trafen wir Matthias Storch und der sagte dann: Ihr als Gründer seid cool, Eure Idee aber nicht! Habt Ihr denn sonst noch was?  Und dann war in unserem Projektbuch zum Glück noch die Idee mit den bunten Socken …

 

von Jungfeld: Lucas Pulkert und Maria Pentschev

 

Und wie läuft die Zusammenarbeit?

Lucas: Wir kennen und arbeiten nun schon seit fünf Jahren mit Matthias Storch zusammen. Er hat uns in jungen Jahren und ohne Erfahrung die Möglichkeit zur Gründung gegeben und uns in der Anfangszeit vor vielen Fehlern bewahrt, die unerfahrene Gründer so machen. Ohne ihn würde es von Jungfeld nicht geben. Wir sind der Überzeugung, dass die Nähe zu guten, engagierten Business-Angels einen großen Faktor im Erfolg eines Startups ausmacht. Unnötige Fehler werden vermieden, Zeit wird gespart – und ein gutes Netzwerk ist unschlagbar.

Maria: Wir sind deshalb sehr glücklich, seine Good Brands AG in unserem Gesellschafterkreis zu haben. Auch heute bekommen wir aus dieser Richtung noch viel Unterstützung. Gleichzeitig haben sich natürlich auch Lucas und ich weiterentwickelt, so dass inzwischen auch wir Good Brands mit unserem Unternehmen und unserem Know-How unterstützen können.

Ihr habt mit Joko Winterscheidt auch einen sehr prominenten Investor gefunden. Wie kommt’s?

Lucas: Zufall und ein bisschen Glück! In unserem Fall waren es eine Xing-Anfrage, zwei Flaschen Wein in Berlin und seine Lust auf bunte Socken. Grundsätzlich würde ich die Rolle von prominenten Investoren aber nicht überschätzen. Bei einem erfolgreichen Business kann ein prominenter Investor, wie Joko in unserem Fall, einen enormen Mehrwert bringen, der kaum in Geld zu messen ist. Zu glauben, dass ein prominenter Investor ein schlechtes Produkt in den Himmel schießt, wäre aber falsch. Ein Testimonial kann nur Gutes besser machen, niemals Schlechtes gut.

 

 

Als kleiner Player mit großer Konkurrenz in der etablierten Modebranche müsst Ihr Eure Produkte innovativ vermarkten. Was ist Eure Markenstrategie?

Lucas Pulkert:  Als erstes haben wir Entwürfe für die Corporate Identity gemacht und uns die drei Werte Stil, Qualität und Verantwortung auf die Fahnen geschrieben. Für den Beginn war uns klar, dass wir in Deutschland produzieren lassen müssen. Einmal weil wir kleine Mengen brauchten und aber auch weil wir dachten, das Thema Verantwortung so am besten lösen zu können. Dann bekamen wir 400 Euro und sollten damit einen Socken-Roadtrip machen: Samples einkaufen!

Maria: Damals waren das etwa 40 Unternehmen, die in Frage kamen. Fündig geworden sind wir dann im Osten, das war quasi das Strumpf-Mekka. Mittlerweile arbeiten wir mit fünf, sechs Firmen zusammen – eher den Großen in der Branche und nicht mehr nur in Deutschland sondern auch Europa. Eine Herausforderung ist es, dass die monatlichen Marketingbudgets der Mitbewerber unser gesamtes Jahresbudget bei Weitem übersteigen. Deshalb sind wir regelrecht dazu gezwungen, unsere Strategie an das Budget anzupassen und durch andere Aktionen Aufmerksamkeit zu erregen. Wir haben uns bei der Markengründung viel Zeit genommen, von Jungfeld klar zu definieren und alles verschriftlicht. Jede Aktion, die wir machen und jede Veränderung, die wir durchführen, muss mit diesem Markenkern konform sein. So entsteht eine stringente Kommunikation und die Marke bleibt authentisch.

Euer „Flop“ im TV-Format „Höhle der Löwen“ war schlussendlich ein Marketing-Coup. Pure Absicht?

Maria: Nein, wir hatten schon vermutet, dass unsere geforderte Summe von 1 Million ein etwas zu großer Brocken für die Löwen war. Die Argumentation, „wie kann man nur 1 Million für Socken ausgeben!?“, fanden wir aber nicht schlüssig. Grundsätzlich ist das Format aber gut, weil es eine WinWinWinWin-Situation ist. Die pitchenden Unternehmen profitieren massiv von der Werbewirkung. Die Investoren steigern ihren Bekanntheitsgrad und ihren Marktwert, der Sender verdient sein Geld und für das Publikum scheint es auch interessant zu sein.

Lucas: Wir hatten durch die Sendung 2,4 Millionen Erstkontakte. Das ist viel wert und schafft eine große Bekanntheit. Ich denke, dass ein Kunde 4 bis 5 Kontaktpunkte zu einer fremden Marke braucht um Vertrauen aufzubauen. Die Sendung war für viele Leute ein solcher Kontaktpunkt.

Und wie habt ihr euren Vertrieb organisiert? Das ist ja in der Modebranche eine weitere große Herausforderung.

Lucas: Im ersten Schritt wohl mit der Kaltschnäuzigkeit des Unwissenden. Wir haben brutale Kalt-Akquise betrieben und Samples rausgeschickt noch und nöcher. So haben wir sehr schnell viele kleine Läden und Boutiquen angeschlossen und eine gewisse Markt-Präsenz aufbauen können. Bei den großen Häusern und Ketten brauchte es einen langen Atem, Präsenz auf Messen und den richtigen Moment, um eine Platzierung zu bekommen. Wir waren nie das Trendprodukt, dass jeder Einkäufer sofort haben wollte, sondern wir haben uns jede einzelne Platzierung hart erarbeitet. Wir haben auch nicht mit Agenturen zusammengearbeitet, die einen Roll-out zwar schneller hinbekommen, von denen du dann aber am Ende abhängig bist.

 

 

Macht ihr immer noch alles selbst?

Lucas: Am Anfang haben wir wirklich alles selbst und gemeinsam gemacht. Der erste Schritt war dann, die Tätigkeiten aufzuteilen. Obwohl wir uns vertraut haben, ist das natürlich ein großer Schritt für den jeweils anderen alleine zu Terminen fahren und alleine entscheiden zu lassen. Wiederum zu sehen, dass das klappt, hat das Vertrauen nochmals gestärkt.

Maria: Mittlerweile macht Lucas den Onlinebereich, PR, Social Media und Business Development. Und ich verantworte den Offline-Vertrieb, das Ressourcing – also den Einkauf – und alles was das Brandbuilding und die Kollektion betrifft: Muster, Farben und Co..

Lucas: Wir sitzen sogar in unterschiedlichen Büros … kommunizieren aber noch viel, bestimmt ein zwei Stunden am Tag. Die Verantwortung übernehmen wir aber am Ende immer zusammen.

 

 

Die Zweier-Konstellation könnt ihr also empfehlen?

Lucas: Andersrum: Alleine hätte ich es auf keinen Fall machen wollen! Ich hätte wahrscheinlich gar nicht mal angefangen.

Maria: Es ist einfach auch eine brutale Achterbahnfahrt, nach oben wie nach unten! Da ist es einfach für die mentale Stabilität unheimlich wichtig, sich austauschen zu können.

 

 

Meint ihr, ein gutes Team ist wichtiger als die große Idee?

Maria: Ja, ich glaube schon! Eine schlechte Idee ist mit einem besseren Team leichter umzusetzen, als eine gute Idee mit einem schlechteren Team! Und das merkt man, wenn man in unruhiges Fahrwasser kommt. Dann merkst du, worauf es ankommt: In erster Linie auf den Zusammenhalt zwischen uns beiden und dann auf den Zusammenhalt des Teams.

Lucas: Die Erfahrung zeigt auch, dass es Investoren wichtiger ist, ein gutes Team zu haben, als die Superidee. Man sieht ja auch bei anderen Startups, bei denen das Team nicht funktioniert, dass das ganze Projekt einfach stirbt: die Produktivität ist tot, die Kommunikation ist tot. Wenn die Leute nicht mehr miteinander reden, ist es vorbei.

Maria: Wir selbst hatten ja auch mit unseren Socken nicht gerade die innovativste Idee, aber ich denke, wir setzen sie sehr gut um! Wir sind drangeblieben, haben uns weiterentwickelt und starten jetzt weiter durch.

Was ist die aktuelle Herausforderung?

Lucas: Wir hatten vom Start weg eine sehr positive Resonanz und ein ständiges Wachstum in allen Bereichen. Nach drei Jahren wurde dann klar: wenn wir weiterwachsen wollen, müssen wir eine eigene Produktion aufbauen oder uns im Ausland nach einem Produzenten umgucken. Letzteres war natürlich schwierig, weil wir ja mit dem Label „Made in Germany“ geworben haben. Wir sind aber nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss gekommen, dass wir auf jeden Fall unseren Werten treu bleiben wollten, dies aber auch im Ausland geht.

Das geht?

Maria: Ja! Es gibt das GOTS-Siegel, das ist der höchste Standard in der Textilproduktion…

Lucas:  …mit ganz klaren Regularien, wie viel Kunststoff noch im Stoff enthalten sein darf, damit die Produktion nachhaltig ist. Ein anderer Aspekt ist die Social Responsibility. Da geht es dann um Arbeitsschutz, Mindestlohn und so weiter. So wird die Produktion transparent und man kann den Herstellungsprozess  jeder einzelnen Socke nachverfolgen. Der  Zertifizierungsprozess ist komplex. Die GOTS – eine NGO – schickt Mitarbeiter zur Kontrolle bei uns vorbei, die ziemlich viele Fragen stellen: Wo ist der Feuerlöscher? Wo sind die TÜV-Plaketten? Und wann war die letzte Feuerschutzübung? Und habt ihr Eure Mitarbeiter informiert, dass sie in eine Gewerkschaft eintreten können? Eine lange Liste, die wir präzise abarbeiten.

 

 

Und wo werden die von Jungfeld-Socken nun zertifiziert hergestellt?

Lucas: In Deutschland ist für uns eine GOTS-zertifizierte Produktion aktuell nicht möglich. Aber In Istanbul in der Türkei und in Braga in Portugal.

Maria: Die Produktion  in Portugal habe ich gerade besucht. Die sind extrem hoch technologisiert.

Lucas: Und die Baumwolle wird in der Türkei selbst angebaut, die muss also nicht durch die halbe Welt transportiert werden.

Was habt ihr gelernt – worauf muss ich als Gründer achten?

Lucas: Zum Beispiel, dass Du dich nicht vom operativen Geschäft begraben lässt. Dass man lieber delegiert und mal ‘ne Runde schläft, als alles selber zu machen. Du brauchst Pausen und Freizeit, um auszuruhen und wieder effektiver zu werden. Immer mehr arbeiten bringt am Ende nichts.

Maria: Gut ist dann auch, festzustellen, dass man zwei Wochen weg sein kann und alles immer noch funktioniert und die Firma noch steht, wenn man wiederkommt. Wir haben ein tolles Team, die kriegen das schon selber hin.

 

 

Was kann Startups noch helfen?

Lucas: Feste Strukturen und klare Kommunikation – zum Beispiel sich zu Meetings zu zwingen, die immer den gleichen Ablauf haben, das ist unglaublich wichtig.

Welchen Bezug habt ihr zu Mannheim?

Lucas: Als ich vor knapp acht Jahren nach Mannheim gekommen bin, war ich mir sicher, dass es nur ein Zwischenstopp für meinen Bachelor sein wird. Mit jedem Jahr habe ich die Stadt aber mehr lieben gelernt. Die Menschen, die Bars, die Subkultur. Als wir von Jungfeld gegründet haben, war uns dann aber klar, dass wir hier bleiben. Ein Umzug steht und stand nie zur Diskussion. Dazu liebe ich meinen Hafenkiez Jungbusch zu sehr.


Interview: Paul Heesch / LA.MAG

Fotos: Daniel Lukac

www.jungfeld.com/de

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