ALUGHA

Global Player mit multilingualem Video-Player

Im Alten Testament galt die Babylonische Sprachverwirrung als göttliche Strafe – und auch in neuen digitalen Zeiten macht bei Web-Videos die Sprachvielfalt Probleme. Gründer Bernd Korz wirkt mit seinem Mannheimer Startup Alugha dem Missstand erfolgreich entgegen: der Alugha Video-Player bindet multilinguale Tonspuren ein, was Zeit, Traffic und Speicherplatz spart, damit das Internet schneller und grüner wird.

 

Was bedeutet Alugha und was macht Ihr genau?

Der Begriff Alugha stammt aus dem Swahili, der am weitesten verbreiteten Sprache Ostafrikas und heißt übersetzt eine Sprache. Wir sind die erste Videoplattform, die sich darauf spezialisiert hat, mehrere Sprachen in einem Video zusammenzupacken und zu publizieren. Wir liefern nicht bloß die Technik, sondern bieten Usern auch eine Plattform um Videos zu transkribieren, zu übersetzen und zu dubben. So kann jeder ein globales Publikum erreichen.

 

 

Welche Sprache hast Du in der Schule abgewählt?

Keine. Als Hauptschüler hatte ich nur Englisch und meine Sprachkenntnisse waren grottig. Das Abitur habe ich auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt. Erst sehr spät lernte ich richtig Englisch zu sprechen. Bis dahin konnte ich nur Hauptschulenglisch und etwas Türkisch und Spanisch, das ich aufgeschnappt hatte. Trotzdem war ich immer ein Fan von Fremdsprachen. Ich bin sehr wissbegierig und wollte immer alles um mich herum verstehen.

Wie hast Du ohne Unterricht Sprachen erlernt?

In meiner Jugend hatte mein Onkel eine riesige Satellitenantenne, so eine drehbare. Bei ihm habe ich tagelang ausländisches Fernsehen geguckt. Französisch, Spanisch, Türkisch, Russisch – ich fand das spannend und habe versucht alle Sprachen nachzuahmen. Als Pfälzer Bub war ich außerdem häufig drüben in Frankreich und später, als ich in Norddeutschland wohnte, oft in Dänemark. In Grenznähe schnappt man auch eine Menge auf.

Was hast Du in deinem ersten Berufsleben gemacht?

Gelernt habe ich Betonbauer. Als Betonbauermeister bin ich zurück an die Schule und habe Hochbautechnik studiert. In diesem Beruf habe ich dann auch zum ersten Mal gegründet. Wir waren richtig dick im Geschäft mit Fertigbauteilen. Mit rund 60 Mitarbeitern haben wir damals große Teile des Hamburger Volksparkstadions gebaut, die Tribüne am Lausitzring, das Stadion in Unterhaching und auch auf Schalke waren wir dabei.

Wie kommt man aus dem Baugewerbe zum Software Startup?

Die Liebe zum Computer ging bei mir früh los. Als Teenager war ich der totale Nerd. VTech Laser 210, Sinclair ZX 81, Commodore VC 20 – das waren Anfang der 80er meine ersten Computer, lange vor der Erfindung der Diskette. Mit 30 habe ich den Entschluss gefasst, den Knochenjob auf dem Bau an den Nagel zu hängen und in die Computerbranche zu gehen. Auf dem Neuen Markt hatte ich etwas Glück mit Aktien und habe das ganze Geld in die Entwicklung und den Vertrieb eines eigenen PC-Betriebssystem gesteckt. Mit der Firma habe ich später eine grandiose Bruchlandung hingelegt. Im Nachhinein waren das aber wichtige Lehrjahre.

 

 

Wie bis Du auf die Idee mit den multilingualen Streaming-Videos gekommen?

Nach der Pleite war ich mehrere Jahre in der Musikindustrie tätig. Den Ruf als Computer-Nerd bin ich aber auch in dieser Branche nicht losgeworden. Immer wenn ein Künstler ein Problem mit seinem Rechner hatte, hat er mich gefragt. Nachdem ich so ziemlich jedem Sohn Mannheims die gleichen Fragen beantworten musste, hatte ich irgendwann genug. Ich bin dazu übergegangen, Tutorial-Videos zu Computerthemen aufzunehmen und habe sie bei YouTube hochgeladen. Sollen die es sich doch dort angucken und mich mit dem Kram in Ruhe lassen, dachte ich. Womit ich nicht gerechnet hatte war, dass meine Videos zu frühen viralen Hits wurden. Irgendwann hatte ich in der Summe über eine Million Klicks und habe mit geschalteter Werbung sogar etwas Geld verdient. Mit der Zeit häuften sich Anfragen nach englischsprachigen Videos. Das wäre damals aber ein Riesenstress gewesen. Alles nochmal aufnehmen, nochmal hochladen – undenkbar. Abends beim DVD gucken schoss es mir durch den Kopf: Warum gibt es eigentlich kein Sprachmenü auf YouTube?

Und dann hast Du einfach losprogrammiert?

Die Idee fand ich spannend und habe auch mit ein paar Programmierern darüber gesprochen. Die wollten allerdings 150.000 Euro für die Entwicklung eines Prototyps. Das war völlig utopisch. Eine andere Lösung musste her. Also habe ich erstmal das Patent und das Konzept ausgearbeitet und mich um die Sachen gekümmert, die ich selbst machen konnte. Eines Abends, ich wollte gerade Champions League gucken, kam mein Sohn Niklas ins Wohnzimmer. Der war damals 15. Er öffnete seinen Laptop und meinte: Schau mal Papa, was ich am Wochenende für dich programmiert habe. Ich konnte meinen Augen kaum trauen. Der Junge hatte einen funktionierenden Sprachswitch entwickelt, als Überraschung für mich – das war 2012.

 

 

Der Startschuss zu Alugha?

Ganz so schnell ging’s nicht. Wirklich gegründet haben wir erst zwei Jahre später, aber ab da war ich angefixt. Mein Freund Ithamar Adema, mit dem ich früher schon zusammengearbeitet hatte, ist zu unserem Projekt dazu gestoßen.  Zu dem Zeitpunkt hatte ich das Patent schon ausgearbeitet und habe dann, nachdem ich es eingereicht hatte, Freunden, Bekannten und Geschäftspartnern von der Idee erzählt – aber der Funke wollte noch nicht so recht überspringen. Das Thema erschien den meisten noch als zu nerdig.

Wie kam es schließlich zur Gründung?

Ein guter Freund von mir, der Unternehmer Gregor Greinert, rief mich eines Tages an und meinte: Bernd, komm doch mal zu mir ins Büro und bring dein Sprach-Tool mit. Als ich mit meinem Laptop ankam, wurde ich schon von Gregor und dessen Vater erwartet. Dann ging alles ganz schnell. Ich präsentierte unser Projekt und die beiden haben direkt angeboten einzusteigen. Eine doppelte Vater-Sohn-Geschichte: Gregor und Klaus Greinert sind seit diesem Tag die Partner von Niklas und Bernd Korz. Das war 2014. Heute studiert Niklas Informatik und ist einer der Hauptentwickler hinter Alugha.

Familienbetrieb Alugha: Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Vater und Sohn?

Die Zusammenarbeit funktioniert bestens, denn wir haben eine klare Rollenverteilung. Ich bin jugendlich, impulsiv und manchmal hitzköpfig – Niklas hingegen denkt reif und agiert nüchtern mit Bedacht. Das ergänzt sich super.

Hand aufs Herz: Was liebst Du an Mannheim und was nervt Dich?

Als Pfälzer habe ich oft das Gefühl, dass Mannheim nicht will, dass man in die Stadt reinkommt. Egal aus welcher Richtung man anreist, für die letzten paar Kilometer braucht man schon mal zwei Stunden Fahrtzeit. Der Verkehr ist eine Vollkatastrophe. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist die Situation kaum besser. Außerdem nerven mich die Ordnungsbeamten, die hier die Grünflächen bewachen. Im Sommer will ich mit meinem Notebook raus auf die Wiese am Wasserturm, ohne gleich verscheucht zu werden. Ansonsten ist die Stadt aber super und vor allem die Leute. Ist man erst mal drin, ist man ruckzuck überall. Und auch die Aufteilung in Quadrate finde ich top – ein optimiertes Betriebssystem.

Wo siehst du die Unterschiede zwischen den Startup-Ökosystemen Mannheim und Berlin?

In Berlin gibt’s jede Menge Pseudo-Startups. Dieser Möchtegern-Silicon-Valley-Style nervt. Berlin ist nicht das Silicon Valley und wird es auch nicht werden. Mannheim und überhaupt die ganze Region hier sind einfach bodenständiger. Wir arbeiten nach dem Credo Try not to fail. In Berlin ist man hingegen schon ein Sonderling, wenn man nach drei Jahren noch auf dem Markt ist.

 

 

Und wo siehst Du die Unterschiede zu den USA, wo du ja auch oft unterwegs bist?

Was ich bei den Amis gut finde, ist die direkte Art und die uneigennützige Weise zu netzwerken. Wenn Du Dich dort mit einem Venture-Capitalist triffst, sagt der Dir klar was Sache ist. Und wenn Dein Produkt nicht in sein Portfolio passt, er es aber trotzdem gut findet, drückt er Dir die Karte von einem Kollegen in die Hand, für den das Thema vielleicht passt: „Hier – zack – haste die Nummer. Ruf doch mal bei Disney an.“ In Deutschland läuft das selten so. Hier hat jeder Angst, dass wenn ein Investor Wasser in das Glas eines anderen schüttet, das eigene Glas nicht mehr voll wird. Ich versuche das so zu handhaben wie in den USA. Wenn jemand mit einer guten Idee an mich herantritt, leite ich das gerne an die Leute weiter, die daran evtl. Interesse haben bzw. weiterhelfen könnten. Alles andere ist doch Quatsch.

Gibt es in den USA einen Markt für multilinguale Videos?

Definitiv ja! Allein in New York werden mehr als 130 verschiedene Sprachen gesprochen. Der Anteil der spanischsprechenden Bevölkerung steigt im ganzen Land rasant. Auch in den USA braucht’s mittlerweile mehr als nur Englisch. Das Umdenken hat bereits begonnen.

 

 

Ist Monnemerisch eine eigene Sprache?

Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass das Hirn Dialekte wie eigene Sprachen behandelt. In Zeiten von Spracherkennungssystemen und Lauschangriff würde es mich nicht wundern, wenn uns eine Renaissance der Mundart bevorsteht. Dialekte überfordern auch die modernsten Systeme. Tipp an alle die sich nicht überwachen lassen wollen: Snackt doch mal Plattdütsch. Im Ernst, Dialekte sind definitiv ein spannendes Thema. Für den Sanitärhersteller Duravit haben wir auch schon Videos auf Schwäbisch, Pfälzisch und Bayrisch aufgenommen.

Welche Sprache werden die Menschen in 500 Jahren sprechen?

Spontan würde man sagen Englisch, aber das glaube ich nicht. Mandarin und Hindi sind Sprachen mit riesigen Sprechergruppen, aber das sind Insellösungen, die eignen sich nicht als Weltsprache. Ich glaube, dass wir schon in 50 Jahren keine Fremdsprachen mehr lernen werden. Ich bin überzeugt, dass es eine Form der Live-Translation geben wird, die sämtliche Sprachbarrieren aufheben wird. Der technologische Fortschritt wird sich zum Retter der Sprachenvielfalt entwickeln. Ansonsten würden wir eines Tages alle ein regional gefärbtes Pigeon-Englisch sprechen.

 

 

Wo siehst Du Dich und Alugha in fünf Jahren?

Trotz des rasant steigenden Interesses von Investoren aus der ganzen Welt glaube ich, dass Alugha auch in fünf Jahren eine unabhängige, erfolgreiche Firma mit internationalen Partnern sein wird. Ich bin überzeugt, dass wir auf unserem Terrain, dem Sprachenmarkt, eine wichtige Rolle übernehmen werden. Europa, USA und Asien sind die Märkte auf denen wir uns positionieren wollen. Ich persönlich werde dann hoffentlich immer noch morgens fluchend im Stau vor Mannheim stehen und mich freuen, wenn ich endlich im Büro angekommen bin und mir meinen Kaffee am Automaten ziehen kann. Hier in Mannheim schlägt das Herz von Alugha und das soll auch so bleiben.


Interview: Andreas Stanita / LA.MAG

Fotos: Ricardo Wiesinger

www.alugha.com




Neueste Beiträge